Neck Deep – Life’s Not Out To Get You

Band Neck Deep
Musikrichtung Pop-Punk
Redaktion
Lesermeinung
5

Wie soll man eine Rezension über das neueste Album einer Pop-Punk-Band einleiten? In Anbetracht der Tatsache, dass man von Tonträgern dieses Genre momentan förmlich überrollt zu werden scheint, wird die Einleitung schnell zu dem kniffligsten Teil des gesamten Reviews. Manchmal aber passiert etwas, das einem die perfekte Vorlage gibt – auch wenn die Meldung als solche überhaupt nicht erfreulich ist.

Im Fall von Neck Deep geschah es vor allem via Twitter: Gitarrist Lloyd Roberts wurde sexuelle Belästigung vorgeworfen. Gerüchten zufolge soll er einem minderjährigem Fan Fotos seines Penis geschickt und ihn zu sich nach Hause eingeladen haben. Die direkte Konsequenz seinerseits war das Verlassen von Neck Deep. Makabererweise ist diese Meldung gleichzeitig die „beste“ Werbung für das neue Werk „Life’s Not Out To Get You“. Außerdem dient sie als Beleg dafür, dass Menschen, die eine vergleichsweise „harmlose“ Art von Musik machen, nicht auch automatisch perfekte Schwiegersöhne sein müssen.

Und apropos „perfekt“, wenn man großzügig ist, ließe sich das Album durchaus mit diesem Adjektiv beschreiben. Wie sein Vorgänger „Wishful Thinking“ bietet es mehr als nur die Standard-Akkorde. Es reicht vielmehr von der Ballade („December“), die sich auch manch eine erstklassige Emo-Band aus dem Ärmel hätte schütteln können, bis hin zu Hardcore-angehauchten Songs („Serpents“). Zusammen mit dem obligatorischen Pop-Punk wird so eine schicke Bandbreite abgedeckt, die auch trotz XXL-Rotation und Dauerschleife einfach großartig bleibt. Schon Wochen vor Albumrelease haben das „Can’t Kick Up The Roots“ und „Gold Steps“, beides größtenteils klassischer Pop-Punk, perfekt aufgezeigt. Musikalisch und textlich haben Neck Deep mit ihnen eigentlich nichts Neues erschaffen und könnten sie den Genre-Fans kaum mehr Freude damit machen. Frisch, fröhlich, gut gelaunt und – Klischee hin oder her – nach Sommer klingend.

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Ganz anders als die hervorstechende Ballade „December“: Sommerliche Heiterkeit weicht hier winterlicher Melancholie. Akustikgitarre, Klavier und hin und wieder süß-klingende Geigen machen diesen Song dennoch zu einem Highlight von der Platte Da sind noch so schöne Lyrics fast schon zweitrangig: „I hope you get your ball room floor. Your perfect house with rose red doors. I’m the last thing you’d remember. It’s been a long lonely December. I wish I’d known that less is more. But I was passed out on the floor. That’s the last thing I remember. It’s been a long lonely December“. Viele Bands würden sich ein Bein ausreißen, um einen solchen Songs aufnehmen zu können. Ausgerechnet eine Pop-Punk-Band hat es nun auch mit vollständiger Körperteilanzahl geschafft.

„Life’s Not Out To Get You“ ist ein Album, bei dem man sich zum Deppen macht, wenn man es hört. Für das man vielleicht sogar ausgelacht wird, wenn man es hört. Der Grund dafür ist jedoch keinstenfalls, dass man dieses Album oder gar Neck Deep hört. Der Grund ist eher sein eigenes Benehmen, sobald man auf Play drückt: Ein Dauergrinsen im Grinsen wird alles zur Tanzfläche – das eigene Zimmer, die Straße oder auch die ungeliebte Bushaltestelle. Selbst mit gebrochenem Bein besteht noch immer der Drang zur Bewegung. „Life’s Not Out To Get You“ ist ein außergewöhnlich gutes Pop-Punk Album. Eins, das die Zeit verkürzt. Eins, das einen bisweilen selbst zum „Straßenkünstler“ macht. Eins, für das man sich jederzeit gerne zum Deppen macht.

Doch selbst ebendiese Albumqualität wird niemals – sollten sich die Vorwürfe tatsächlich als wahr erweisen – sexuelle Belästigung entschuldigen. Dann wäre lediglich der Zeitpunkt gekommen, bei dem auch Neck Deep ,respektive Lloyd Roberts, zugeben müssen, dass das Leben einen doch irgendwo und irgendwann einholt: „Cause sometimes things will bend you, but trust me you’ll be fine. Cause I’ve been moving mountains that I once had to climb and life’s not out to get you. Despite the things you’ve been through. Cause what you give is what you get and it doesn’t make sense to make do“ („Gold Steps“).

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