Nothing But Thieves – Moral Panic

Album Moral Panic
Label RCA Victor
Musikrichtung Alternative-Rock, Britpop
Redaktion
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Öffentliche Empörung, Entfremdung, das nahende Ende: Nothing But Thieves, eine der Konsens-Bands des modernen (Brit-)Rocks, wollen den Finger auf ihrem Drittwerk „Moral Panic“ in die offenen Wunden der Gesellschaft legen, die schon aufgerissen wurden, lange bevor die Pandemie kam. „This is not what you think it is – it’s worse” warnt “Unperson” so direkt zum Einstieg und serviert dazu überraschend dröhnenden, brachial-elektrischen Sound, als hätte die Band ihr ganz eigenes „Intimacy“ erschaffen. So konsequent wie Bloc Party anno 2009 demontieren die Thieves den eigenen Stil dann aber doch nicht, denn Conor Mason & Co. fühlen sich im Stadion zu wohl. Auf „Moral Panic“ tanzen sie dennoch auf vielen Hochzeiten und pflügen einmal quer durch die Gitarrenmusik, wenn sich nicht die Synthies vordrängeln.

„Is Everybody Going Crazy?“, fragt die Band weiter in einer der zahlreichen Vorab-Singles – angesichts der Krise: zurecht – und täuscht dazu erst groovigen Robot Rock à la QOTSA an, der sich dann im Refrain aber zur tanzflurgeeigneten Hymne aufbäumt. Immerhin der Rückzug ins Private ist bei all dem Aufruhr noch eine Option, denn „it feels so good to make you mine” – purer massentauglicher Pop, aber einprägsamer. Und auch nur eine von vielen großen Gesten: „Real Love Song“ mit seiner flirrenden Lead-Gitarre zum Beispiel erinnert an die besseren Sachen von The Killers.

In „Phobia“ träumt Conor zu von Billie Eilish geklautem Bass und Minimal-Beat vom Ende des Internets, bis fiese Gitarren den Song regelrecht zersägen. „This Feels Like The End” konzentriert sich auf ebendiese und ist beinahe standardmäßiger und durchaus solider Indie-Rock. Nothing But Thieves geben sich ein wenig wie die jüngere und zerzaustere Variante von Interpol – und, klar, Conor Masons Stimme ist neben dem gewissen Hang zum Experiment größter Trumpf.

In Balladen wie „Free If You Want It” kann er das am besten zeigen. Vom Weglassen des Schlager-Beats und den „Don’t look back“-Shouts hätte der Song trotzdem profitiert, weil er dann weniger nach „Wonderful Life“ von Hurts klingen würde. Dass die Band zu Herzen gehende und schön-schmalzige Songs wie „Impossible“, den Signature-Hit der Platte, beherrscht, weiß man schließlich schon seit „Sorry“.

In „Can You Afford to Be an Individual?” legen sie sich mit Autoritäts- und Männlichkeitskonzepten an, und zum Schluss singschreit Conor alles nieder, klingt dabei aber leider in etwa so wütend wie ein Dalmatinerwelpe. Die bemühten Lyrics erinnern an die Drittklässler-Revolutionäre von Muse, und musikalisch spukt weiterhin der Geist von The Prodigy durch England – bei Nothing But Thieves bleibt beides eher seicht. Wir haben noch Punkrock zu Hause.

Nothing But Thieves wollen Popstars mit einem gewissen Kunstanspruch sein, das Prinzip ungestümer Indie-Rock steckt ihnen aber noch zu tief in den Knochen. Und beizeiten glückt die Symbiose auch – dann liegen sich Formatradio-Hörer und Art-Rocker glückselig in den Armen. Wenn sich Sounds, Riffs und Beats auch mal richtig was trauen, schimmert gar immenses Potential durch, das Conors Stimme, wie gemacht für die größten Bühnen dieser Welt, gerecht wird. Unterm Strich ist „Moral Panic“ daher auch alles andere als eine schlechte Platte – in erster Linie aber nur eine Ahnung dessen, was hätte sein können.