Nothing / Whirr – Split

Album Split
Musikrichtung Shoegaze
Redaktion
Lesermeinung
6

Der gemeine Journalist neigt zu Übertreibungen. Das ist nur natürlich. Soll was er verzapft ja schließlich auch gelesen werden. Umso besser wenn man dafür nicht mal den Marktschreier geben muss: Whirr und Nothing kann man reinen Gewissens als Speerspitzen des Shoegaze-Revival bezeichnen. Beide haben schon reichlich Lorbeer geerntet, sind auf verträumte Sehnsuchtsorgien spezialisiert und Revival ist heutzutage eh alles – passt also. Eine Split solcher Schwergewichte kann da eigentlich nur die Zungen schnalzen lassen. Das funktioniert auch bestens. Ob das Gemeinschaftswerk für beide eine gute Idee war, lässt sich dennoch bezweifeln.

Splits provozieren unweigerlich den direkten Vergleich und dieser ist unbarmherzig: Im direkten Vergleich sind Whirr nämlich ein Narkotikum – und das spricht weniger gegen sie als für Nothing. Denn weder „Ease“ noch „Lean“ sind schlechte Songs! Gerade „Lean“ ist eigentlich sogar ein ziemlich großer: malerische Melodien, herrschaftlich dahinwabernde Synthies und der obligatorische Hauch von Ergriffenheits-Lyrik. Der Song will Raum und holt sich ihn – zum Leidwesen lästiger Alltagssorgen.

Die lässt der Nothing-Start nicht wieder zurück ins Haus. „Chloroform“ macht obendrein aber auch alles Whirr-Werken vergessen – mit einem Riff, nach bescheidenen sechs Sekunden! Die Dampfwalze aus Philadelphia hat nach „Guilty Of Everything“ nichts von ihrer tragischen Urgewalt eingebüßt. Unbarmherzig, erhaben, schlicht wunderschön was hier geboten wird. „I’m never coming home!“ – mit solchen Klängen keine traurige Aussicht. „July The Fourth“ mimt zum Abschluss den bösen Zwilling. Doch nach Deafheaven-Gedächtnis-Opening ist auch hier genug Luft für den monumentalen Tränentriumphzug.

Diese Split schafft mit ihren 16 kurzen Minuten Tatsachen: Das Shoegaze-Führungsfeld ist eine Zweiklassengesellschaft. Whirr machen ihre Sache gut. Aber im Duell mit der nothingschen Radikalkur kann ihr vergleichsweise sanfter Ansatz nur verlieren. Ihr größter Trost? Das Peloton dürfte angesichts beider Seiten vor Neid erblassen.

Und das war jetzt zur Abwechslung mal untertrieben.

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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