Panic! At The Disco – Death Of A Bachelor

Label Warner
Musikrichtung Alternative, Alternative, Pop
Redaktion
Lesermeinung
5

Eins muss man ihm lassen diesem Brendon Urie: Er ist verdammt hartnäckig. 2005 war es, als da plötzlich eine skurrile Kapelle mit einem Willy Wonka-Abklatsch als Frontmann durch eine bizarre Hochzeitsgesellschaft wirbelte – und einen fast noch merkwürdigeren Song trällerte: „I Write Sins Not Tragedies“ wurde zum Kassenschlager (das besagte Video hat heute übrigens schlappe 116 Millionen Klicks). Der seltsame Siegeszug von Panic! At The Disco hatte begonnen und mit ihm schon bald ein beispielloser Personalexodus:

Da wurde flugs mal der Bassist von heute auf morgen vor die Tür gesetzt, nur damit sich dessen Nachfolger zwei Jahre später mit Chef-Komponist Ryan Ross diesmal freiwillig aus dem Staub machte. Der neue Sound auf Album Nummer zwei („Pretty. Odd.“) war ihnen nicht mehr theateresk genug. Zu bieder für die bunten Gesellen. Urie und Drummer Spencer Weeks machten fortan als Duo weiter, unterstützt von diversen Teilzeitkräften. Das ging eine Weile gut, bis Weeks sich Anfang 2015 endgültig der Therapie seiner aus dem Ruder gelaufenen Alkohol- und Pillensucht widmen musste. Brendon Urie war also endgültig allein.

Das ist freilich kein Problem für den 28-Jährgien: Er habe ja schon früher fast alles geschrieben und außerdem arbeite er ohnehin am liebsten allein, sagte er jüngst dem Upset-Magazine. Dass er das kann, steht außer Frage: Der Paradiesvogel spielt Schlagzeug, Gitarre, Bass ohnehin, dazu noch Cello, Trompete und sogar Orgel (diese Aufzählung könnte noch weitergehen). Ein ausgeprägtes Faible für’s Beatbauen und (vor allem) ein Ego groß genug für drei Bands sind der Sache auch nicht abträglich. Also stammen jetzt selbst die Backgroundvocals zu Uries-Gesang – genau – von Urie. Nur den hochdekorierten Bandnamen wollte er für seine Ich-AG dann lieber nicht ablegen – das sei doch eh kein Name, vielmehr bloß ein beliebiger Satz. Humor hat er ja, dieser Tausendsassa. Und einen ausgeprägtes Gespür für’s Geschäft sowieso. Doch klingen die Brendon Urie-Festspiele tatsächlich nicht nach dem Solo-Ausflug, der sie sind.

Panic! At The Disco haben die vergangenen zehn Jahre viele Gewänder aufgetragen. Das war mal mehr, mal weniger geschmackssicher. Aber sie waren sich noch nie zu schade für bisweilen reichlich krude Einlagen. Im Gegenteil, nur so sind sie erst so groß geworden – und der Ethos des ewigen Weirdo-Daseins lebt weiterhin: Brendon Urie gibt den großen Gatsby – euphorisch, exzentrisch und größenwahnsinnig. „Death Of A Bachelor“ versprüht eine beinahe kindliche Schaffensfreude. Nur leider hat es bisweilen den Charme eines ewigen Junggesellenabschieds.

„Tonight we are victorious, champagne pouring over us, all my friends were glorious, tonight we are victorious“

Entsprechend erbarmungslos wirft einen Urie auch gleich in eine exzessive Party-Hymne hinein. „Victorius“ klingt wie ein brachialer Auto-Scooter-Soundtrack. Der Refrain eignet sich auch höchstens für vergleichbare Anlässe. Stumpf ist Trumpf. Und einmal am Eskalieren macht der werte Herr gleich weiter: „Don’t Threaten Me With A Good Time“ schwingt sich so zum potenten Bewerber für den nächsten Hangover-Soundtrack auf. „Champagne, cocaine, gasoline and most things in between, I roam the city in a shopping cart” – Las Vegas verpflichtet offenbar. Stehen will Urie die Rolle als plumper Party-Philosoph allerdings nicht. Weit unter Wert verkauft er sich damit sowieso. Zumal dieser dekadent-prollige Touch im krassen Gegensatz zum hehren Album-Motto steht. Denn es ist sein eigener „Death Of A Bachelor“ – Urie ist mittlerweile verheiratet und nach eigener Aussage unglaublich stolz darauf.

Zu elf Oden an seine Angetraute Sarah Orzechowski hat ihn das allerdings nicht inspiriert. Mehr als Reminiszenzen auf seinen Junggesellenabend hat er trotzdem geschrieben – zum Glück. Im Titeltrack etwa gibt er einen äußerst überzeugenden Frank Sinatra-Verschnitt ab. Aufgehübscht mit allem gebührenden Retro-Pomp, selbstverständlich, aber dann eben auch mit einem RnB-Beat verziert. Ware von der Stange gibt’s bei Panic! At The Disco eben nicht. Dafür aber doch den einen Gruß an die Angebetete, in einem Atemzug mit dem Abschied vom Lotterleben:

„Happy ever after, how could I ask for more? A lifetime of laughter at the expense of the death of a bachelor“

Einmal auf Kurs vermählt er in “Hallelujah” gleich noch die Großartigkeit des Gospel mit funkelndem Pop-Bombast und beweist, dass er nicht nur der große Zirkusmeister ist, sondern mit seiner Stimme Haken schlagen kann, wie kaum ein anderer. Diese Show hat Las Vegas wirklich verdient. Und auch „Golden Chaos“ , mit seinem etwas schwachbrüstigen Ziehsohn „LA Devotee“, sind der Stadt würdig: Nach allen Regeln der Kunst krönt sich Brendon Urie hier zum alles überstrahlenden Glam-Rock-König. Pompöser kann Pathos nicht klingen. Einem gewissen Brandon Flowers dürfte das gar nicht schmecken.

Nur noch einmal taucht “Death Of A Bachelor” in die Niederungen des Schunds ab. Dafür aber richtig. „The Good, The Bad and The Dirty” ist genau der Stoff aus dem Boygroup-Reunions geschaffen werden. Da ist es doch besser, Urie zückt sein gesamtes Arsenal und heraus kommt ein hyperaktiver Pop-Kracher mit ordentlicher Portion Wahnsinn („Emperors New Clothes“). Getoppt wird das nur noch vom völlig wahnwitzigen Vollgas-Art-Rock in „Crazy=Genius“ (Uries Lebensmotto?). Als hätte er vorsorglich schon mal den Soundtrack zum Musical über sein Leben geschrieben.

Dass selbst ein ewig Ruheloser wie Brendon Urie zum Abschluss („Impossible Year“) ganz leise Töne anschlägt, ist wohl bezeichnend. „Death Of A Bachelor“ ist die vertonte Reizüberflutung. Aus gutem Grund: Das konnten Panic! At The Disco schon immer. Brendon Urie kann es alleine noch ein Stück weit besser. Warum er „Death Of A Bachelor“ die anfänglichen Flachheiten verpasst hat, wird sein Geheimnis bleiben. Drumherum aber dominiert ambitioniert-inszenierte Pop-Musik.

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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