Pearl Jam – Gigaton

Album Gigaton
Band Pearl Jam
Musikrichtung Rock
Redaktion
Lesermeinung
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Pearl Jam sind eine unverwüstliche Instanz in der amerikanischen Rockgeschichte. Immer im Spannungsfeld zwischen hochpolitischem Protest und der grundsympathischen Familienvater-Männerrunde am Billardtisch, die gerne auf alte Zeiten anstößt und dabei auch mal einen über den Durst trinkt. Weniger elitär-intellektuell als, sagen wir, The National, eher bauernschlau und rustikal. Und vor allem: Immer nur exakt so viel Pathos, wie man noch auffahren kann, bevor jemand den Nickelback-Vergleich bringt.

Dafür strahlen Eddie Vedder und seine Gang seit 30 Jahren ein Maximum an Glaubwürdigkeit aus. Schon „Gigaton“ als Titel allein ist in Verbindung mit dem Artwork ein wenig subtiles Statement zur Klimakrise. In Gigatonnen werden das Schmelzen der Polkappen oder der CO₂-Ausstoß gemessen. Pearl Jam wissen, dass man ihnen zuhören wird. Aber auch auf zwölf neuen Songs, nach ganzen sieben Jahren der Abstinenz?

Es ist der nächste Schritt im Spätwerk des Quintetts: „Backspacer“ war locker aus der Hüfte geschossen und zeigte die Band ungemein ungezwungen und freigespielt, aber das war auch schon 2009. „Lightning Bolt“ von 2013 stagnierte bereits zwischen zündenden Lichtblicken („Getaway“, „Pendulum“), gediegenem Dad-Rock („Sirens“) und Füllwerk und riss gemeinhin zu Reaktion wie „Aha, noch ein Album“ hin.

2020 also mit Vollgas in die Zukunft: Die Vorab-Single „Dance of the Clairvoyants“ war in erster Linie eine Blendgranate, denn so tanzbar und experimentell (im Band-Verständnis) mit funky Basslauf, Synthie-Tupfern, E-Drumming und schwingendem Tanzbein ist der Rest von „Gigaton“ nicht geworden. „Expecting perfection leaves a lot to ignore / when the past is the present and the future’s no more / and every tomorrow is the same as before.” Auch wenn es merkwürdig anachronistisch erscheint – tatsächlich haben Pearl Jam hier auf ihre alten Tage einen ihrer besten Songs geschrieben.

Das elfte Album pendelt, wenig überraschend, zwischen althergebrachten Trademarks und dem Blick über den Tellerrand. „Superblood Wolfmoon“ zum Beispiel ist so ein Song, den die Ex-Grunger in drei Minuten schreiben, ein zackiger Uptempo-Rocker, der auch auf jeder anderen Platte seinen Platz gefunden hätte – für die Quote, nicht für die Innovation. Ein guter Song bleibt es trotzdem. Gleiches gilt für „Never Destination“ und „Take The Long Way“ (mit schön prolligem Gitarren-Solo), in denen nicht viel Neues passiert, die aber vor allem langjährige Fans zufriedenstellen sollten. „Quick Escape“ ist im Gegensatz dazu ein bisschen mehr artsy, von früheren Absonderlichkeiten aus seligen „Vitalogy“-Zeiten aber auch weit entfernt.

Es ist die zweite Hälfte, die Pearl Jam in ihrem anderen Element zeigt: weit ausholenden, üppigen Midtempo-Nummern. „Alright“ fängt an wie ein Radiohead-Song und ließe sich mit Zeilen wie „It’s alright to be alone, to listen for a heartbeat, it’s your own“ auch gut und gerne auf die aktuelle Corona-Situation anwenden. Gräm dich nicht, mein Sohn, es ist alles in Ordnung. „Buckle Up“ punktet mit Fingerpicking, zurückhaltender Percussion und untypischer, feierlicher Gesangsspur. Lediglich „Comes Then Goes“ als Vedder-Solo-Nummer auf Folk-Gitarre direkt aus dem Heartland verdient das Prädikat „nett“ – weil sechs Minuten lang dem Lagerfeuer beim Knistern zuzuhören dann doch irgendwie wenig Höhepunkte bietet.

Im optimistischen, gar dezent an den „Ten“-Sound erinnernden „Retrograde“ geht es noch ein bisschen epischer und synthielastiger zu, bevor als Schlusslicht die obligatorische, langgezogene Ballade mit Orgel folgt („River Cross“). „Government“ hier, „won’t hold us down“ da, so weit, so bekannt – musikalisch aber strahlen beide Nummern eine Erhabenheit aus, wie sie manchmal nur den Songs von Pearl Jam inne zu wohnen scheint.

Eddie Vedder ist wie der Vater, den man nie hatte, der einem mit der wärmsten Stimme der Welt kurz vor dem Einschlafen seine Geschichten vorliest. Die handeln zwar von korrupten Politikern und dem Abschmelzen der Polkappen, aber es ist trotzdem schön. Und kann man Geborgenheit und Gemeinschaftsgefühl angesichts der nahenden Apokalypse nicht ohnehin gebrauchen? „Gigaton“ wird in der endlosen Karriere der Band auch kein neues Kapitel mehr eröffnen, aber es kommt zur rechten Zeit.

Autor Ralf Hoff
Wohnort Frankfurt
Beruf Student
Dabei seit Oktober 2018
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