Say Anything – Oliver Appropriate

Musikrichtung Alternative-Rock, Emo
Redaktion
Lesermeinung
8

Say Anything liefern mit „Oliver Appropriate“ ihr letztes und zugleich wohl das persönlichste Werk ihrer Karriere ab. Sänger Max Bemis selbst spricht von einer gedanklichen Fortsetzung des gefeierten 2004er Werks „…Is A Real Boy“. IARB war damals schon als fiktives Musical erdacht, wurde jedoch fälschlicherweise als autobiografisches Album verstanden. Jahrelang hat Bemis versucht, mit diesem Irrglauben aufzuräumen und dieser beständige Drang sich zu rechtfertigen, ließ in ihm die Idee aufkeimen, sich noch einmal in die Rolle des Protagonisten von „… Is A Real Boy“ zu versetzen und einen Charakter zu erschaffen, der in vielerlei Hinsicht das Gegenteil von ihm selbst verkörpert. Als wichtige Einflüsse im Entstehungsprozess des Protagonisten nennt Bemis seine Bipolarität, zwischenzeitlichen Drogenmissbrauch und sein Outing als Bisexuell im Jahr 2018.

Das Werk ist eines durch Akustik-Gitarren definiertes Alternativealbum mit den Say Anything typischen emotionalen Texten. Die Geschichte spielt an zwei aufeinander folgenden Tagen und dreht sich um Oliver, seines Zeichens Sänger einer Emo-Band, die ihre besten Zeiten hinter sich hat. In den 14 Songs wird nun die verzerrte Lebensrealität Olivers dargelegt, der sich vor allem durch Selbstbetrug und Exzess definiert. Der Hauptcharakter lernt am ersten Abend einen Mann kennen und verbringt eine Nacht mit ihm und sieht ihn wie eine der vielen Trophäen seiner sexuellen Laufbahn.

Am darauf folgenden Tag merkt er, dass er mehr für ihn empfindet und offenbart sich ihm, wird jedoch abgelehnt. Dies treibt Oliver so weit, dass er den Mann tötet, nur um sich darauf mit der Leiche zu ertränken und in den Himmel aufzusteigen. Was sich in der Theorie wie eine recht pathetische Geschichte liest, ist im Detail jedoch eine vielseitige Darstellung eines wie Bemes ihn beschreibt „…self-loathing, slightly homophobic misogynist“. Die gesamte Geschichte dient Bemis als Ventil um auf metaphorische Weise mit den Fehltritten seiner Vergangenheit aufzuräumen.

„Oliver Appropriate“ ist eine ungewöhnliche Platte, die die Schaffenszeit einer Alternative/Emo Band, die sich nie so recht einordnen wollte, auf spektakuläre Weise beendet. Es passiert selten, dass die Musik auf einem Album im Vergleich zu seiner Bedeutung so stark in den Hintergrund gerät. Man muss sich zwar die Zeit nehmen, um vollends in die verstrickte Gedankenwelt von Max Bemis einzutauchen. Wenn dies jedoch gelingt, wird man mit einer tiefgründigen Geschichte belohnt, die mehr ist als die Summe ihrer Teile. Say Anything schaffen es sich selbst ein Denkmal zu setzten und geben ihrem Abgesang einen noch bittereren Beigeschmack.

Autor Hero Perduns
Wohnort Osnabrück
Beruf Student
Dabei seit Oktober 2015
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