Schrottgrenze – Alles zerpflücken

Musikrichtung Indie Pop, Pop Punk, Rock
Redaktion
Lesermeinung
8

„Sterne“ verkündete damals die Wiedergeburt der Polit-Popper Schrottgrenze, die wie ein – sehr bunt geschmückter – Phönix nach sieben Jahren Versenkung wieder auf der Bildfläche erschienen sind. Was anders war? Am Mikro steht nun Saskia Lavaux, und die Message ist möglicherweise eine der wichtigsten, die die deutschsprachige Musiklandschaft aktuell nötig hat: Life is queer! Da besetzen Schrottgrenze nun die Nische: „Alles zerpflücken“ ist das zweite Quasi-Konzeptalbum, das der toxischen Männlichkeit, dem Patriarchat und den ewiggestrigen selbsternannten Alternativdeutschen den Krieg erklärt – „Love is love and it knows no gender.“ Dazu lässt sich schwofen und manchmal auch pogen, aber ist es gefährlich? Regelt die Liebe das wirklich alleine?

Vielleicht, denn Schrottgrenze treffen mitunter voll ins Schwarze. „Traurige Träume“ ist da das Parabeispiel, Rassisten-Deutschland anno 2019 ist krank und gehört völlig zu Recht zerpflückt – das größte Manko des Song ist noch, dass der Part der wunderbaren Sookee zu kurz und vielleicht nicht wütend genug ausfällt, aber das ist Meckern auf hohem Niveau. Im Titeltrack regiert ein lässiger Offbeat und die Hook klebt sich so richtig gemein in den Gehörgängen fest. „Sog“ und „Morice“ [sic!] dann, tja, liefern Storytelling aus dem schwulen Lifestyle, zwischen dem Rausch und dem furchtbaren Morgen danach. „Deine Hoffnung war nicht echt und der letzte Deal war schlecht“, Überraschung.

„Toter Kuss“ besingt ein Beziehungsende bei kaltem Zigarettenrauch und diesem fiesen Brennen, das einst ein Prickeln war, Placebo nicken anerkennend. Und Im besten Song der Platte, „Räume“, lassen Schrottgrenze den Pop-Punk los und bringen neben den Guccis und Femmes auch „die Klischees zum Tanzen“. „Meine Scheißangst ist brutal, meine Scheißangst ist real!“ Wir glauben dir, Saskia, und wir fühlen mit dir. Rassisten, Multis und Bonzenschweinen geht es dann in einer balladesken Version des ollen Slime-Gassenhauers „Deutschland muss sterben“ an den Kragen. Das ist nett, aber das Blöde ist: „Das Kapital“ stirbt vermutlich nicht so bald, auch wenn die Herrschaften von Slime fleißig mitgrölen.

Beziehungsstatus: kompliziert. Schrottgrenze romantisieren die Gender-Debatte und predigen nicht-heteronormative Liebe in Wahlfamilien als erstrebenswerte Utopie, liefern simple Lösungen in der oft komplexen und ermüdenden Suche nach Empowerment, und das ist auch gut so. Oft wird es in den Texten aber anbiedernd plakativ, und dann reißt es die recht generische Musik mit wummerndem Bass und zarten Gitarren nicht wieder raus. Die Band macht es sich in vielerlei Hinsicht ein bisschen zu einfach. Will gleich jeder, der eine Identität als Cis-Mann für sich ablehnt, eine Queen sein? Und: „Ist da Liebe, Liebe?“ Dummerweise oft nicht, aber bei Schrottgrenze sind Feder und Sex mächtiger als das Schwert. Ein Jammer, denn diese Band hat etwas zu sagen, fährt die Zähne aus, dreht sich aber auch oft um sich selbst.

Ein bisschen passiert das, womit Against Me! nach ihrem Meisterwerk „Transgender Dysphoria Blues“ zu kämpfen hatten: Die Fortführung krankt am fehlenden Überraschungseffekt. So wie schon „Shape Shift With Me“ nicht aus dem Schatten des übermächtigen Vorgängers heraustreten konnte, ist auch „Alles zerpflücken“ die kleine, leicht nervige Schwester von „Glitzer auf Beton“. Bedient wird die klar abgesteckte Zielgruppe – böse Zungen mögen behaupten: Filterblase – und alle klopfen sich für ihre Progressivität und Weltoffenheit gegenseitig auf die Schultern. Die Szene, die „Solidarity City“, feiert sich selbst, „das fühlt sich gut an“. AfD-Helmut aus Halle/Saale jedoch, der seit dem Outing nicht mehr mit seinem Sohn spricht, erreichen Schrottgrenze nicht. Nichtsdestotrotz ist diese Art von Aktivismus wichtig und richtig, und auch wenn es nur die hören, die es ohnehin schon wussten: Life is queer und Punk ist bunt.

Autor Ralf Hoff
Wohnort Kyoto
Beruf Student
Dabei seit Oktober 2018
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Die besten Konzerterlebnisse Black Rebel Motorcycle Club (Luxemburg), Cloud Nothings (Köln), Foxing (Wiesbaden) und ganz ganz viele Shows im Exhaus in Trier

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