Seether – Si Vis Pacem, Para Bellum

Band Seether
Musikrichtung Post-, Grunge, Alternative
Redaktion
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Schon ein paar Platten zuvor ist der Versuch, Seether-Songs konkret ihrem jeweiligen Album zuzuordnen, eigentlich zu einem müßigen Unterfangen geworden, ändert die Band ihren Sound doch nur noch minimal. Auf Albumlänge tendiert die Südafrika-Ami-Combo in den einen Nummern immer Richtung bissigem Alternative Metal und in den meisten anderen zum stromlinienförmigen Post-Grunge.

Dazwischen platzieren Seether angezerrte Power-Balladen fürs US-Format-Radio, für die Chad Kroeger, der Thomas Gottschalk des misogynen Republikaner-Rocks, seine Dauer-Vorband besonders ins Herz geschlossen hat. Dennoch bleiben Seether vehement besser als ihr Ruf, und auch die oft behauptete Nähe zum soeben Erwähnten und dessen Gruselkabinett von Band entbehrt bei genauerem Hinhören außer dem Ausschlachten gängiger Grunge-Tropes ihrer Grundlage.

Seether-Kopf Shaun Morgans Händchen für griffiges Songwriting zeigt sich immer dann, wenn er dem Pop freien Lauf lässt – was in jüngerer Vergangenheit Stücken wie „Same Damn Life“ zu Gute gekommen ist. Aus diesem Grund ist es zunächst ein bisschen schade, wenn der mittlerweile achte, vom Frontmann diesmal selbst produzierte Diskografie-Eintrag ohrenscheinlich vor allem zweierlei sein soll: hart und böse. „Si Vis Pacem, Para Bellum“ (das Latein bitte selbst ergooglen) kracht und scheppert wie Hölle und nimmt somit seinen logischen Platz hinter dem ähnlich gelagerten „Poison The Parish“ von 2017 ein. Konnte einen aber auch bei den wilderen Seether früher durchaus das unangenehme Gefühl befallen, die Band würde Gesangsspuren- und Riff-Templates nur immer wieder neu zusammenpuzzeln, setzt „Si Vis Pacem…“ dann doch tatsächlich verblüffende Akzente.

Selbst für ihre Verhältnisse gehen Seether nämlich oft ziemlich in die Vollen: „Beg“ mit seinem zärtlichen „Beeeeeeeg, motherfucker!“-Refrain irritiert nicht nur durch sein merkwürdig animiertes Rape-and-Revenge-Musikvideo, sondern auch durch die Kombination aus Todes-Bass und Gekeife, die Gevatter Grunge seiner zerbrechlichen Introvertiertheit beraubt und sich stattdessen in Gewaltfantasien verläuft. „Bruised and Bloodied“ geht ähnlich brachial ans Werk, recycelt blöderweise aber die Melodie von „Betray and Degrade“. Schwerfälligere Brocken wie „Buried in the Sand“, der, wie gerne bei Seether, Richtung Tool schielt, sind da spannender und mitunter so zwingend, wie die Band das früher hinbekommen hat (Wanna feel old? „No Jesus Christ“ oder „Eyes of the Devil“ haben mittlerweile auch schon dreizehn Jahre auf dem Buckel).

„Can’t Go Wrong“ sticht heraus, indem Seether hier zwar weiterhin auf die Mütze riffen, den Blick aber zunehmend wieder ins Innere wenden. “Wasteland” macht Shauns offen geäußerter Deftones-Vorliebe alle Ehre sowie die mitunter klaffende Lücke zwischen den so langsam in die Jahre kommenden Musikern und ihrer Zielgruppe deutlich („This teenage wasteland of ours / I feel too much“). „Pride Before The Fall“, das man vorschnell als Filler abtun könnte, hat einen kleinen Kurt-Cobain-Moment vorzuweisen. Und während Hooks wie in „Dangerous“ etwas zu schablonenhaft bleiben, um so richtig begeistern zu können, geben „Failure“ oder „Let It Go“ ungezügelt aufs Maul, ohne sich von zu viel Melodieduseligkeit ausbremsen zu lassen.

Für die Quoten-Balladen – und das kommt bei all der Angriffslustigkeit der Platte wenig überraschend – sind Seether diesmal leider nur halbherzig angetreten: „Drift Away“ mit seinen Konserven-Geigern schwächelt am instabilen Spannungsbogen und seiner Austauschbarkeit. Der grungige Closer „Written in Stone“ schwächelt noch fieser am Fehlen jedweder Einzigartigkeit, es sei denn, man hat „Something in The Way“ noch nie gehört. Mit einem schlankeren Album, in dem Seether ihre durchaus nicht weg zu diskutierenden Stärken stringenter bündeln, wären sie noch besser beraten gewesen. Oder einfach: Ganz weg mit Kroeger und volle Fahrt voraus auf Keenan & Co.

Auch „Poison The Parish“ war kein Fehlschlag, aber eigentlich über seine Funktion als Quelle neuen Setlisten-Futters und Bedienung der stagnierenden Fan-Schar hinaus auch nicht der Rede wert. „Si Vis Pacem…” gewinnt im direkten Vergleich, ist es doch tatsächlich dynamischer und abwechslungsreicher geraten, als man im Seether-Kosmos noch für möglich gehalten hätte. „When you turn sour grapes to wine / The fermentation takes some time”: Wenn sie sich für die nächste Platte ordentlich Zeit lassen, um im Anschluss ihre Qualitäten noch präziser herauszuspielen, könnten Seether zum Novum in der US-Post-Grunge-Landschaft werden – nämlich zur ersten Band, die mit dem Alter besser wird.

Autor Ralf Hoff
Wohnort Frankfurt
Beruf Student
Dabei seit Oktober 2018
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