SeeYouSpaceCowboy – The Correlation Between Entrance And Exit Wounds

Musikrichtung Sasscore
Redaktion
Lesermeinung
8

Einen guten Monat ist „A Different Shade of Blue“ von Knocked Loose jetzt alt – und für viele schon das Hardcore-Album des Jahres. Was wohl SeeYouSpaceCowboy aus San Diego dazu sagen würden? Am ehesten: „Hold my beer!“ Mit ihrem Debüt „The Correlation Between Entrance And Exit Wounds“ entlädt die Band, die ihren eigentümlichen Namen der Anime-Serie Cowboy Bebop entlehnt hat, ein Soundgewitter, das an niemandem spurlos vorübergehen wird.

Dabei könnte einen das Gefühl beschleichen, dass die Band derzeit noch ziemlich weit unterm Radar fliegt. Denn so wirklich die Runde gemacht hat deren Name, an den man sich mit Sicherheit erinnern würde, außer bei Szenekennern ja noch nicht. Dabei sind die Jungs auf ihrem Label Pure Noise Records in bester Gesellschaft für ihre Art von Sound, denn keine geringere Band als eingangs erwähnte Knocked Loose zählen sich zu ihren Labelpartnern – und darum geht’s im Oktober auch erstmal zusammen auf Tour durch die USA.

Dabei waren die Aufnahmen für die Band sicher fordernder als zuvor angenommen. Denn Anfang des Jahres wurde Bassist Andrew Milam nach nur einem Jahr mit der Band mittels eines kurzen Statements wegen Vergewaltigungs-Anschuldigungen aus der Band geworfen. Ein absolutes No-go für die Band, die sich für LGBTQ-Rechte stark macht und deren Mitglieder sich außerdem mit Anti-Kapitalismus- und Anti-Rassismus-Themen beschäftigen.

Oft als Screamo-Band bezeichnet, sieht sich die Band selbst (obwohl alle Mitglieder der Screamo-Szene entstammen) aber im Sasscore verortet. Dabei greift diese Zuordnung nicht annähernd umfassend. In ihr unheilvolles Sound-Gebräu mixt die Band Hardcore mit Art-Punk, versetzt mit kräftigen Auszügen aus Math-, Grind- und Metalcore – und selbstverständlich ein Schuss Emo und Screamo.

Es ist komplex, was die Kalifornier angerührt haben. Denn zwischen bedrohlicher Raserei, brachialem Gebrüll, sanften melodiösen Einspielern, cleanem Gesang, messerscharfen Breakdowns und chaotischem Soundgeballer spielen SeeYouSpaceCowboy rotzfrech ihre drückende Überlegenheit aus.

Vom Schwitzkasten des Openers „Armed With Their Teeth“ noch nach Luft ringend, überfährt „With High Hopes and Clipped Wings“ von einem Moment auf den anderen mit einer vereinnahmenden Gitarrenlinie, zieht „Have You Lost the Plot“ in einen über eine Minute andauernden Tinitus und lädt „Dissertation of an Idle Voice“ zum Tanz mit dem Leibhaftigen, bis schlussendlich „The Phoenix Must Reset“ noch einmal die ganze Brillanz dieses Quintetts auf den Punkt bringt. Viele Tempowechsel, düstere Texte und teilweise verstörendes Soundgewaber machen das Debüt dieser Combo zu einem interessanten und fordernden Erlebnis.

Hier gilt es, nicht nachzudenken und sich nicht zu wehren, sondern einfach zu überleben und sich zu freuen, wenn man am Ende nur mit ein paar Blessuren da steht – um sich dann gleich wieder von neuem in diesen Sog aus Wahnwitz und Überheblichkeit zu stürzen. Wer jetzt schlussendlich die beste Platte des Jahres abliefern wird, darf jeder für sich selbst ausmachen. Wer allerdings „The Correlation Between Entrance And Exit Wounds“ nicht gehört hat, darf sich nicht wundern, wenn ihm eine der größten Überraschungen in 2019 entgangen ist. Schlichtweg grandios!

Autor Andreas Steiner
Wohnort Stuttgart
Beruf Redakteur
Dabei seit März 2011
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