Sizarr – Nurture

Album Nurture
Band Sizarr
Musikrichtung Indie, Electro, Pop
Redaktion
Lesermeinung
4

Armes Landau. Das Pfälzer 40 000 Seelenstädtchen kann einem wirklich leid tun. Drei Jahre ist es nun bald her, als drei frisch gebackene Abiturienten namens Fabian, Philip und Marc der beschaulichen Festungsstadt zu Ruhm & Ehre verhalfen. Ihr Debüt „Psycho Happy Boy“ kam wie aus dem Nichts, klang überraschend weltmännisch und bescherte der gemeinen Kritikerzunft ein neues Lieblingsspiel: Wer ersinnt die schönste Lobeshymne auf Sizarr. Selbst der Guardian ließ sich nicht lumpen. So gebauchpinselt spielten die Jungspunde dann auch gleich im Vorprogramm von Vampire Weekend und den Editors – Landau war hip wie noch nie! 2015 ist es nun Zeit für den zweiten Streich. Und ein Verlierer stand bereits vorab fest: Landau. Die jungen Helden sind nämlich allesamt weggezogen. Bleibt der pfälzischen Provinz also doch wieder nur der altbewährte Wein. Es gibt schlimmere Schicksale.

An den Ambitionen der ausgeschwärmten Helden ändert der Tapetenwechsel hingegen nichts: Landau ist Heimat, obendrein ein ganz vorzügliches PR-Label, ihre Musik aber, die strebte immer schon nach London. Mindestens. Und mit ihrem raffiniert-verspielten Indie-Pop klang das Trio dabei alles andere als frisch dem Teenie-Alter entsprungen. Wenig überraschend wird nun auf „Nurture“ nicht der Rückzug in die Garage propagiert, im Gegenteil: Sizarr suhlen sich genüsslich in erhabenem Salon-Pop im dezenten 80er-Gewand. Das Verspielte aber geht ihnen dabei mitunter ab.

Sizarr sind clever. Sie wissen ganz genau um das größte Faustpfand ihrer Band: Fabian Altstötters Stimme. Böse Zungen sehen hierin auch den Grund für den Editors-Supportjob – Tom Smith hört sich einfach gerne selbst Singen. Und wie der britische Pathos-Papst klingt Altstötter natürlich am besten wenn er leidet: „I’m over 20 now, but the teenage angst still reigns“ Die große Depression bricht dabei auf „Nurture“ aber nie aus. Einzig „I May Have Lied To You“ und „Untitled“ spielen mal kurz mit der Idee. Der Idealfall sieht anders aus – und klingt herrlich tiefenentspannt: Altstötters Gesang hält den Laden zusammen und im Hintergrund blüht auf sachtem Schlagzeug ein bunter Strauß an cleveren Melodien. Der Opener „Clam“ und das ausgefuchste „Slender Gender“ wandern so schnurstracks ins (noch zu schreibende) Lehrbuch für konsensfähige Pop-Musik mit dem gesunden Maß an Anspruch. Letzteres grüßt obendrein noch mit einer kleinen (und kaum verstellten) Hommage an die momentanen Großmeister der Melodien – Alt-J. Wie gesagt: Clever die Jungs.

Amüsanterweise funktioniert „Nurture“ gerade da am schlechtesten, wo eigentlich die kleinste Angriffsfläche sein sollte: Zu „Untitled“ ist Altstötter mit Klavier allein zu Haus, aber statt für Gänsehautgarantie steht es sinnbildlich für das nurture’sche Manko schlechthin – Sizarr gefallen sich zu gut hinter ihrem Frontmann! In Kombination mit der bereits angepriesenen Melodie-Frickelei, ist Altstötters Sangeskunst die Krönung. Mit bieder-kalkuliertem Elektro-Pop im Rücken („Scooter Accident“ und heller Flecken zum Trotz: „You And I“) bewirkt aber auch Tom Smiths Ziehsohn herzlich wenig. Zumal seine Dichterkunst bisweilen dann doch wieder verdächtig nach Landau klingt: „could you keep me off from school today? my mum can make some lunch for two“ Zum Abschluss geben sie sich noch selbst eine wichtige Hausaufgabe für’s nächste Album mit. „How Much For This“ lässt die reife Pop-Attitüde nämlich dann tatsächlich einmal vorsichtig fallen und endet angenehm rockig. Vielleicht können Sizarr ja auch Hymnen.

Für den Moment ist „Nurture“ aber genug. Die frühreifen Ex-Pfälzer klingen auch diesmal nach weiter Welt und der Pop aus eben dieser kann der deutschen Prärie hörbar nur gut tun. Freilich nur solange er nicht zur billigen Kopie verkommt. Dieses Schicksal dürfte Sizarr freilich kaum drohen. Gefährlich werden kann dem Trio vermutlich nur eine One Man-Show, die zum Trend wird.

P.S.: Weil die Werbung für Landau jetzt ja wieder Andere übernehmen müssen: Am 25.4 ist das erste Weinfest. Bitte schön.

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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