Sleater-Kinney – The Center Won’t Hold

Musikrichtung Alternative, Indie, (Post-)Punk, Pop
Redaktion
Lesermeinung
4

Carrie Brownsteins Liebäugelei mit Annie Clark alias St. Vincent hat Sleater-Kinney als eine der wichtigsten Punk-Bands mutmaßlich zum Pop geführt, und die langjährige Drummerin Janet Weiss hat die Segel gestrichen. Ausverkauf, Punk schon wieder tot, alles im Eimer? Weit gefehlt, denn „the future’s here and we can’t go back“: „The Center Won’t Hold“ beweist, dass queer, feministisch und sozialkritisch auch für Riot Grrrls natürlich nicht nur mit chaotischem Punkrock funktioniert, wie es noch die erste Post-Reunion-Platte „No Cities To Love“ vor vier Jahren so wunderbar gemacht hat. Und auch ohne Mitte – im Nachhinein: welch bittersüße Ironie! – brennt es hier an beiden Enden.

Schon „Hurry On Home“ als erster Brotkrumen hat sich als zappeliger, hyperaktiver New Wave präsentiert, eben alles andere als „unfuckable“, wie von Carrie Brownstein lamentiert. Sleater-Kinney sind mitnichten alternde Rock-Diven, die gefälligst zu Hause bleiben sollen, anstatt zu tanzen, Sex zu haben oder gar politische Statements von sich zu geben. Nehmt das, alte weiße Männer! In dem Hybrid aus Indie, Pop, Noise, Dancefloor, Industrial und übersprudelnder Kreativität verhandelt die Band dann auch auf Albumlänge immer wieder ihre Rolle als Frauen, sei es im Zwischenmenschlichen oder der nackten Öffentlichkeit.

Dabei schütteln Sleater-Kinney praktisch auf Plattenlänge mir nichts dir nichts Melodien aus dem Ärmel, für die andere Bands viele unanständige Dinge tun würden. „Restless“ ist so eine – in den frühen Zweitausendern wäre der Song in Adult-Contemporary-Gefilden wahrscheinlich zum Welthit geworden. „I’ve learned to love the ugliest things.“ Der ausladende Indie-Pop von „Reach Out” wirkt gegenüber den alten Punk-Brechern erstmal sehr anders, aber sobald die Hook kommt, liegen sich Szene-Polizei und „Ich höre eigentlich alles“-Sager versöhnlich in den Armen. Und „Can I Go On“ unterscheidet sich zugegeben auch nur durch den bandtypischen, im positiven Sinne immer ein bisschen hysterischen Gesang von Mainstream-Dancepop, aber wieder gilt: Den Ohrwurm wird man vermutlich nie wieder los.

Aber klar, düster wird es natürlich auch, wird es immer, und muss es: Schon der Opener und Titeltrack „The Center Won’t Hold” spuckt Gift und Galle. Eiskalte Beats direkt aus dem Stahlwerk kippen in schrammeligen Gitarrenkrach, und im Finale darf Corin Tucker sich die Seele aus dem Leib brüllen. In „Ruins“ ist die Welt dann schon untergegangen, der unterkühlte Post-Punk ist apokalyptisch wie selten im bisherigen Werk der Band. Im Synthie-Pop von „The Future Is Here“ zeigt sich Corin Tucker’s Stimme von ihrer besten Seite, sogar „na na na“‘s sind hier unpeinlich. „Love“ dann ist die Retrospektive – immerhin sind es mittlerweile 25 Jahre, die Sleater-Kinney sich zur Wehr setzen – , droppt fröhlich alte Lyrics und Songtitel, bis der Plot Twist kommt: „There’s nothing more frightening and nothing more obscene than a well-worn body demanding to be seen.” Fuck the patriarchy, auch wenn wir alt und grau geworden sind – dann erst recht!

Zwischen konsequenter Weiterentwicklung und radikaler Neuerfindung: Die Musik mag sich unter der Schirmherrschaft von Annie Clark verändert haben, Wut und Relevanz von Sleater-Kinney bleiben bestehen. „Bad Dance“ ist ein weiterer Mittelfinger, „The Dog/The Body“ wieder schnörkelloser Pop, dann der Paukenschlag: Vielleicht das Allerletzte, was man jemals von Sleater-Kinney hätte erwarten können, ist eine Piano-Ballade. „Broken“ aber sorgt dafür, dass Nörglern und Skeptikern die Spucke wegbleibt, greift „Me Too“ auf und legt den Finger dorthin, wo es wehtut. Noch ist ein weiter Weg zu gehen, aber auch ohne Janet Weiss: Sleater-Kinney werden niemals schweigen. Alles bleibt anders, und „The Center Won’t Hold“ ist definitiv eines der spannendsten Alben des Jahres.

Autor Ralf Hoff
Wohnort Kyoto
Beruf Student
Dabei seit Oktober 2018
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Berichte
Top-Alben Jawbreaker - Dear You, Elliott Smith - Either/Or, The Smashing Pumpkins - Siamese Dream
Die besten Konzerterlebnisse Black Rebel Motorcycle Club (Luxemburg), Cloud Nothings (Köln), Foxing (Wiesbaden) und ganz ganz viele Shows im Exhaus in Trier

Hinterlasse einen Kommentar