Tausend Löwen unter Feinden – Machtwort

Album Machtwort
Musikrichtung Hardcore
Redaktion
Lesermeinung
4

Obwohl wir alle verschieden sind, haben wir eins doch gemeinsam: wir werden geboren und wir sterben. Jedes Leben ist ein Kreislauf mit Anfang und Ende, Höhen und Tiefen. Was wir tun und wie wir das Dazwischen gestalten, bleibt aber jedem selbst überlassen. Tausend Löwen unter Feinden machen diese philosophischen Fragen zu den zentralen Themen ihrer ersten LP „Machtwort“. So stehen der Kreislauf des Lebens, das Verhindern von Fremdbestimmung und die Einzigartigkeit der eigenen Existenz im Mittelpunkt der 14 deutschsprachigen Songs. Diese großen Themen sind verpackt in eine sozialkritische und intelligente Geschichte rundum einen namenlosen Helden. Jeder von uns kann dieser sein – sofern er kein Pegidiot oder rassistischer Volltrottel ist.

Jedes Leben beginnt mit der Geburt und dem elterlichen Versprechen, immer für das eigene Kind da zu sein und es zu beschützen („Alpha‘). Doch auch ein Aufwachsen in behüteter Atmosphäre, kann nicht über die existierenden Missstände unserer Zeit hinwegtäuschen: Krisen und Kriege wohin man nur schaut, blinder Konsum und Gehorsam, kapitalistische Ausbeutung zur Sicherung von Wohlstand, die rücksichtlose Zerstörung der Natur. Die Liste an Abscheulichkeiten ist unerträglich lang, weshalb unser Held in „Kreis“ beginnt, System und Gesellschaft kritisch zu hinterfragen – und gegen beide aufzubegehren. In „Glaspalast“, „Feuer & Eis“ und „Babel“ verfestigt sich seine Abneigung und die individuelle Revolution bestimmt Denken und Handeln. Trotz der sich daraus ergebenden Spannungen und Schwierigkeiten, versucht der Protagonist selbstbestimmt seinen Weg zu gehen, auch wenn die Versuchungen von diesem abzukommen groß sind. Sei es durch stereotypes Denken („Konstrukt“), durch Macht und Machtlosigkeit („Macht“) oder auch durch Liebe zu einem anderen Menschen („Wind“, „Kreuz – Herz – Anker“).

Mittlerweile erwachsen, ist unser Held in der Lage und in der Position auf Worte Taten folgen zu lassen. Das geschieht am besten im Kollektiv und mit anderen, frei nach dem Motto Zusammen sind wir stärker als allein („Nebel“). Aber im Lauf der Zeit lässt der Aktionismus stark nach und er fragt sich: wo sind all die Freunde von früher geblieben, wo ist die einstmals vorhandene revolutionäre Energie, was ist aus all den großen Träumen geworden („‚Nichts“)? Ehe er sich versieht, ist er alt. Anhand der weisen Worten des römischen Kaisers und Philosophen Marc Aurel („Jugend“) lernt unser Held jedoch, dass jung bleiben keine Frage des Alters ist und so genießt er im eindeutig von 7 Seconds inspirierten „Bis zum letzten Tag“ sein Leben bis zuletzt, hat Spaß und gibt nichts auf die Meinungen anderer. Mit „Omega“ schließt sich der Kreis des Lebens und nach dem Tod erwartet den Helden die endgültige Freiheit.

Textlich können Tausend Löwen unter Feinden das hohe Niveau der grandiosen Debüt-EP, „Licht“, halten und auch musikalisch lässt „Machtwort“ keine Wünsche offen. Der Dampfwalzen-Sound von „Licht“ ist jetzt jedoch deutlich melodischer, die Jungs präsentieren sich insgesamt variabler und technisch gereifter – weichgespült sind sie trotzdem nicht. So gibt es Sing-Alongs und Two-Step-Passagen in Hülle und Fülle, der Crossover-angehauchte Sound ist druckvoll und fett. Mal klingt er modern, mal klingt er nach New York, mal wird gerappt, mal geschrien. Leider gibt es mit dem ruhigen „Kreuz – Herz – Anker“ einen Bruch, der so gar nicht in das Gesamtkonzept der LP passt und mit 3:18 Minuten viel zu lang geraten ist.

Die beiden Highlights „Nebel“ und „Bis zum letzten Tag“ lassen diesen kleinen Schwachpunkt jedoch schnell in Vergessenheit geraten. Viel besser als mit diesen Liedern kann eine Hardcore-Platte nicht enden und so steht im letzten Teil des Albums wieder der Kollektiv-Gedanke im Mittelpunkt. Dieser findet seinen definitiven Höhepunkt in ‚Nebel‘. Zusammen mit 19 (!) verschiedenen Gastsängern (unter anderem Björn / Jail (ex-Black Friday ’29) und Jogges / Empowerment) haben Tausend Löwen unter Feinden einen Song erschaffen, der seines Gleichen sucht. „Nebel“ ist eine Ode an eine ganze Szene, eine Hymne – eben ein Machtwort – dass die momentane Stärke und Vielfalt des deutschen Hardcore eindrucksvoll unter Beweis stellt.

Wer Angst hatte, dass Tausend Löwen unter Feinden nach der „Licht“-EP nachlassen würden, der kann beruhigt aufatmen, denn die Jungs gehören glücklicherweise nicht zur Kategorie der „Nach der Demo gingˈs bergab“-Bands. Vielmehr ist „Machtwort“ zweifellos eines der Hardcore-Highlights 2015 und genau das, was es sein möchte: ein musikalisches und textliches Manifest, ein Statement, ein Aufruf niemals den bequemsten Weg zu gehen. Und gerade in diesen Zeiten sollte für uns alle klar sein, dass nichts langweiliger ist als Anpassung, nichts gefährlicher als Gleichschritt, nichts verwerflicher als Opportunismus.

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