The Ghost Inside – s/t (Doppelreview)

Musikrichtung Hardcore, Melodic-Hardcore
Redaktion
Lesermeinung
2.75

TGI / From the ashes brought back to life” lauten die ersten beiden Zeilen auf The Ghost Insides fünftem Studioalbum. Sie rufen in Erinnerung, dass es beileibe keine Selbstverständlichkeit ist, dieses Album in den Händen zu halten. Schließlich muss man froh sein, dass überhaupt noch alle Mitglieder leben und mittlerweile wieder laufen können. Der Verkehrsunfall im November 2015, bei dem zwei Menschen starben und die Bandmitglieder schwer verletzt wurden, war ein Schock für die Szene. Dass The Ghost Inside im Juli 2019 eine Comeback-Show spielen und ein knappes Jahr später ein neues Album veröffentlichen würden, könnte man einerseits als das Ergebnis von viel Glück im Unglück interpretieren.

Andererseits lässt sich der unbedingte Wille ins Auge fassen, mit dem sich die Gruppe zurück ins Leben und auf die Bühne gekämpft hat. Einiges spricht dafür, dass letztere Variante näher an der Wahrheit liegt. Niemand hätte es The Ghost Inside verübelt, die musikalische Karriere an den Nagel zu hängen. Wie auch, wenn man bedenkt, dass etwa Drummer Adrew Tkaczyk ein Bein verloren hat? Und trotzdem sind The Ghost Inside heute wieder da. Die Energie und Leidenschaft, mit der die Band allen Widrigkeiten und Rückschlägen getrotzt hat, spiegelt sich daher in jedem Song und insbesondere den Lyrics des neuen Albums wider.

Musikalisch knüpft es so nahtlos an „Dear Youth“ an, dass man die sechs Jahre fast vergessen könnte, die zwischen den beiden Alben liegen. The Ghost Inside spulen ihr gewohntes Programm ab: Energiegeladene Strophen, die mal Metalcore-, mal Hardcore-lastiger sind, wuchtige Breakdowns und eine melodische Lead-Gitarre verbunden mit eingängigen Hooks, die noch immer zu den Besten gehören, die das Genre zu bieten hat.

Ein paar frische Akzente streut die Band durch vereinzelte Clean-Vocals ein, dessen Einsatz sich aber letztlich in Grenzen hält. Daher bleibt das nunmehr fünfte Studioalbum nach allem was passiert ist überraschend überraschungsarm. Dieser Umstand wertet das Album freilich nicht ab. Die meisten werden sehr froh sein, dass sie das altbekannte The Ghost Inside zurückbekommen haben.

Getrübt wird das Ganze leider von den mittlerweile bestätigten schweren Vorwürfen gegen Bassist Jim Riley, die enthüllt haben, dass er den Busfahrer der Band rassistisch beleidigt hat. Die Anschuldigungen beziehen sich wohl auf einen Vorfall im Jahr 2015 und sind in der vergangenen Woche publik geworden, nachdem die Band ankündigt hatte, dass der Erlös eines Bandshirts an die National Association for the Advancement of Colored People gehen würde. Riley hatte die Vorwürfe bei Twitter eingestanden und sich für sein Verhalten entschuldigt. Mittlerweile haben sich The Ghost Inside als Konsequenz aus diesem Vorfall von Riley getrennt.

(6/8) – Joshua Claaßen


Das fünfte, selbstbetitelte Album von The Ghost Inside ist verdammt gut, folgt dem Erfolgsrezept der Band und reiht sich damit nahtlos in die bisherige Diskographie ein. So sehr, dass, wenn man die Platte mit den beiden Vorgängern per Zufallsreihenfolge spielt, keine wirkliche Zuordnung zum Release möglich ist.

Nichts Neues im Hause The Ghost Inside also. Darum geht es aber bei dieser Platte auch nicht. Denn hier ist das Wichtigste, dass das Haus The Ghost Inside überhaupt noch beziehungsweise wieder steht. Fünfeinhalb Jahre nach dem Vorgänger, aber, noch viel wichtiger, viereinhalb Jahre nach dem verheerenden Unfall des Tourbusses der Band, bei dem mehrere Personen ihr Leben verloren, wird nun das fünfte Album der Band veröffentlicht.

Über den Unfall, die Folgen und den Weg der Band ist viel geschrieben worden. Im vergangenen Jahr gab es dann in Los Angeles die Rückkehr auf die Bühne und nun also das neue Album. Mit jedem Song, jeder Zeile wird deutlich, dass es sich hier um die vertonte Verarbeitung des Schicksalsschlages der Band handelt. 

Die ersten Momente gehören Drummer Andrew Tkaczyk, der in Folge des Unfalls 2015 ein Bein verlor: Zu hören ist zunächst das Geräusch, wie er sich an sein Schlagzeug setzt und die Sticks aufnimmt und dann alleine mit dem Schlagzeug das Intro beginnt. “TGI – fro the ashes brought back to live” – mehr Worte braucht es erstmal nicht.

Dies ist auch der textliche Tenor der Platte. Es geht um die Rückkehr ins Leben, das Hadern mit dem Schicksal, der Umgang mit falscher Sympathie, Kraft für einen Neuanfang; vorgetragen immer mit der von TGI bekannten Vehemenz und einem ganz klar positiven Ausblick. Lyrische Tiefen werden dabei nicht unbedingt immer erreicht (“From the ashes brought back to life, this is the new sound of sacrifice” – „Still Alive“).

Musikalisch ist alles beim Alten: Testosteron geladene Strophen münden in hymnische Refrains, in denen Jonathan Vigils Shouts durch Clean-Vocals ergänzt werden. Dazu tonnenschwere Moshparts, regelmäßig mit Subbass eingeleitet. TGI bleiben wütend und machen nicht den Fehler, sich in poppiger Belanglosigkeit zu verlieren. Lediglich „Overexposure“ steht auf der Kippe. Der Refrain ist ein wahnsinniger Ohrwurm, nur kommt dann zu den cleanen Chören noch eine quäkende Autotune-Oberstimme, auf die man auch gerne hätte verzichten können. Insgesamt wirken die Kompositionen dennoch alle wie aus einem Guss, sodass es schwer fällt einzelne Songs herauszuheben – all Killers, no Fillers eben.

Auch die Produktion ist fett, wie man es von der Band aus Kalifornien gewohnt ist. Die Gitarren drücken, die Shouts gehen durch Mark und Bein. Bei den Drums liegt der Fokus auf Bassdrum sowie Snare und generell ist der Sound mit viel Kompression ganz klar auf dicke Hose gemischt. Hierdurch gehen leider je nach Setup die Becken etwas unter. Während sie auf dem Autoradio noch leidlich gut zu hören sind, muss man diese leider schon sehr bewusst suchen, wenn man die Platte über Kopfhörer hört.

„The Ghost Inside“ ist ein absolut rundes Album, voller Hits. Vom Intro bis zum Abschluss durch „Aftermath“, die erste Vorabsingle. Man kann sich einfach nur freuen, dass die Band es geschafft hat, so zurückzukommen: Yesterday is gone, but the beat goes on” Jeder, der mit der Band schon etwas anfangen konnte, kann hier bedenkenlos zugreifen und wird die Platte feiern. Freuen wir uns also auf eine Rückkehr auf deutsche Bühnen hoffentlich im nächsten Jahr.

Tobias Luger (7/8)

An dieser Stelle sollte das Review eigentlich zu Ende sein. Kann es aber nicht.

Das Album wird in einer beispiellosen Zeit veröffentlicht. Die USA, die ganze Welt steht unter dem Eindruck der aus rassistischen Polizeipraktiken entsprungenen Tötung von George Floyd und den nun seit fast zwei Wochen andauernden Protesten gegen Polizeigewalt und Rassismus. Viele Musiker der Hardcore-Szene haben sich mit klaren Statements und Unterstützungsaktionen für die Black Lives Matter-Bewegung positioniert. Auch The Ghost Inside haben ein Soli-Shirt im Angebot.

Pünktlich zum Release sind jetzt aber Vorwürfe gegen Bassist Jim Riley wegen früherer rassistischer Ausfälle öffentlich geworden. Mittlerweile wurden die Vorwürfe von ihm bestätigt und eine Entschuldigung auf Twitter veröffentlicht. Die Band hatte die Entschuldigung am Freitag zunächst ohne weiteren Kommentar retweetet. Am Samstag wurde dann die Trennung von Riley bekanntgegeben. Im dazugehörigen Statement (siehe auch unten) erklärte die Band, man habe den einige Zeit zurückliegenden Vorfall nicht direkt miterlebt, wohl aber das Gerede darüber vernommen, dieses jedoch nur als „Gerücht“ eingestuft. „Wir hätten damals den Mund aufmachen und nachhaken sollen. Wir räumen ein, dass wir geschwiegen haben“, so die Band weiter. Als Band verurteile man Rassismus aufs Schärfste und unterstütze die schwarze Gemeinschaft im Kampf gegen systemischen Rassismus.

Ob man nun eher zur “shut up and play some music”-Fraktion gehört, ob man Riley und der Band die Läuterung abnimmt oder ob man seinen Support für die Band hinterfragt, diese Entscheidung muss jeder für sich alleine treffen.

Autor Tobias Luger
Wohnort Hamburg
Beruf ja
Dabei seit 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Fotos, auch mal Interviews oder Reviews
Top-Alben Shai Hulud - alles rauf und runter, Poison The Well - The Opposite Of December, Bane - Don't Wait Up
Die besten Konzerterlebnisse Hellfest 2003 - Syracuse, NY; Have Heart, Edge Day 2009 - Boston, MA

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