The Staves – If I Was

Album If I Was
Band The Staves
Label Warner
Musikrichtung Indie, Folk
Redaktion
Lesermeinung
5

Justin Vernon ist kein Lautsprecher. Auch seine Songs als Bon Iver sind geradezu schüchtern in ihrer Art. Und genau darin liegt der Schlüssel zu ihrer Großartigkeit. Der grammyschwere Großmeister, ein stiller Triumphator. Bei den Staves aber verlässt auch ihn die Contenance: „Sie sind die beste Gruppe von Live-Sängerinnen, die ich je gehört habe. Schaut sie euch an! Besorgt euch ihre Musik!“ Ja, Vernon hat einen gehörigen Narren gefressen an diesem kleinen, erfolgreichen Familienunternehmen aus dem britischen Watford.

Bei so viel Liebe wollte es der Amerikaner nicht beim bloßen Fantum belassen. Also quartierte Vernon die gepriesenen Emily, Jessica und Camilla Staveley-Tayor flugs im heimischen Studio ein. Die einsamen Weiten vor Eau Claire, aufstrebendes Indie-Mekka und Vernons Heimatstadt, wurden zur zweiten Heimat der Schwestern. Doch war Vernon auch das noch nicht genug: Der local hero höchstselbst nahm die Produktion in die Hand und stellte dem Trio obendrein seine Bon Iver-Band in die Bude. Bessere Bedingungen kannst du dir für dein Zweitwerk erträumen. Auffinden wirst du sie nirgends. Bei dieser Vorgeschichte darf „If I Was“ eigentlich nur ein Meisterwerk sein.

Das potentielle Überalbum fest im Blick haben die Damen Einiges auf der grünen Insel gelassen. Allem voran den Ukulele-Charme vom puristischen Folk-Festival „Dead & Born & Grown“. Eine weise Entscheidung, hatte dieser schließlich schon auf dem Debüt seine liebe Mühe über die volle Dauer interessant zu wirken. Auf „If I Was“ regiert stattdessen eine sachte Bon Iver-light Atmosphäre. Ausschweifend, den stave’schen Harmonien die Wege bereitend und dabei so wunderbar schwärmerisch. Doch wäre Vernon ein schlechter Liebhaber, würde er die wertvollste Mitgift seiner Angebeteten unter seinem Haus-Sound beerdigen – Englands schönstes Triett. Bereits „Blood I Bleed“ spricht Vernon aber von diesem ungeheuerlichen Verdacht frei. Die Engelsstimmen der Schwestern grüßen unverstellt, prominent und vor allem merklich selbstbewusster: „raise your banners and ride to war“; das ist kein wohlfeiles Gerede. Erklingen dann gegen Ende die ersten Bläser über dem sachte gestreichelten Schlagzeug ist er perfekt – der erste Akt einer Traumhochzeit. Und der zweite folgt sogleich in Form von „Steady“. Die Symbiose aus stave’scher Sangeskunst und den unendlich-schönen Weiten in Vernons Klangwelt, sie wirkt wie immer schon da gewesen. Dass quasi als Nebenprodukt, die Sehnsucht nach einen wohl fernen Bon Iver-Comeback befeuert wird, muss der geneigte Hörer aushalten.

Bei Songs wie „Damn It All“ oder „The Shining“ fällt das freilich leicht. Ersterer markiert in seinen über sechs Minuten eine bitter-süße Beziehungswende, bevor „The Shining“ das Thema in clever zurückgenommenen Indie-Pop gießt und begräbt. “Even though I love you, I want you to go”. “If I Was” bietet jene Abwechslung, von der das Debüt der Geschwister höchstens zu Träumen wagte. „Teeth White“ bricht da sogar ganz nonchalant mal völlig aus und amüsiert sich in munter-entspanntem Americana-Folk. Drei Engel für Justin in der Prärie. Ein amüsantes Bild, aber nur eines am Rande. „Make It Holy“ führt zurück auf den Weg der Tugend. Und diesen mögen sie tunlichst nie mehr verlassen. Zu fesselnd sind die intimen Weisen der Schwestern, zu herrlich die wenigen pointierten Klänge im Hintergrund und zu perfekt das Duett mit dem Meister höchstselbst.

„I could make you want me, make you need me all the time, I could make it holy, make it fine”
Meisterwerk wäre nun wohl dennoch zu viel leidiger Großsprech, großartig aber ist „If I Was“ zweifelsohne und die erste Hausmarke damit gesetzt. Justin Vernon gefällt das.

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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