The Wombats – Glitterbug

Album Glitterbug
Label Warner
Musikrichtung Indie, Pop
Redaktion
Lesermeinung
4

Provinzbengel erobert die weite Welt. Ein solches Drehbuch geht immer. Nun ist Liverpool zwar nicht gerade die sächsische Schweiz, im Vergleich zum funkelnden Moloch L.A. muss die Arbeiterstadt dennoch herrlich heimelig erscheinen – also Vorhang auf für Matthew Murphys Lebenslehren. Ein Konzeptalbum sei „Glitterbug“ pfeift es aus der Traumfabrik. Die tragische Geschichte einer (fiktiven) Dame in der beklemmenden Metropole L.A. Maßgeblich inspiriert von Murphys Fernbeziehung mit einer (realen) Dame aus eben dieser. Tatsächlich ist „Glitterbug“ aber vor allem eines: Die endgültige Bankrotterklärung der Wombats als Indie-Rock-Band. Die Briten machen jetzt in kunterbuntem Hochglanz-Pop. Das Dilemma: Murphys bestechendes Sozialdrama tritt so glatt in den Hintergrund. Diese Tatsache allein (und wirklich nur diese) sollte „Glitterbug“ eigentlich einen Grammy bescheren.

Wenngleich nicht preisverdächtig kann „Glitterbug“ trotzdem mehr. Denn ihr größtes Faustpfand haben die Briten mitgenommen in ihr Disco-Zeitalter: Kaum jemand hat ein derart gnadenloses Gespür für Ohrwürmer. „Your Body Is A Weapon“ wurde mit einer entsprechend klaren Botschaft schon früh vorausgeschickt: „Glitterbug“ braucht keine hochtrabende Story, der Kopf hat hier sowieso Pause. Dieses Single-Monstrum aus brachialem 80er-Pop-Bombast mit seinen flirrenden Keyboard-Melodien hat nur ein einziges großes Ziel: im Kopf einnisten und nie mehr gehen müssen, koste es was es wolle. Auch das ist ein Konzept. Und die Wombats fahren gut damit. Wenngleich „Your Body Is A Weapon“ mit seiner konzentrierten Urgewalt eigentlich alles übertönt, funktionieren auch „Be Your Shadow“ oder „Give Me A Try nach dem gleichen simplen Schema.

Normalerweise wäre das ein vergiftetes Argument. Bei „Glitterbug“ nicht. Pompöser Power-Pop ist der Plan und der Plan geht auf – musikalisch. Was aber Matthew Murphy diesem bisweilen unterjubelt, ist allenfalls der Bloodhound Gang (Gott habe sie selig) würdig: “there‘s no greater sight than you in your underwear removing mine”. Doch Murphy hat offenbar einen Narren gefressen an derart knisternder Groschenroman-Erotik, also widmet er ihr mal eben einen ganzen Song: “what I really needed was sex and question marks”. Und wo er ohnehin gerade dabei war den Begriff „Konzeptalbum“ völlig ad absurdum zu führen, hat er auch gleich noch einen Song über „Emoticons“ (genau, das einzig wichtige Thema unserer Zeit) ersonnen und Weisheiten wie „this is not a party, it’s a hurricane“ in Text gegossen.

Bei so viel Dichtkunst ist es umso angenehmer, dass „Glitterbug“ dem effektschwangeren Dauerbeschuss dann doch auch Pausen gönnt. „Isabel“ als akustische Blaupause mutet zwar mehr obligatorisch als wirklich gewollt an, „Flowerball“ aber bietet einen angenehmen Kompromiss aus Pop-Gewalt und warmen Indie-Melodien. Und mit „The English Summer“ findet sich sogar ein scheinbares Überbleibsel aus „A Guide to Love, Loss & Desperation“-Zeiten. Zackiger Indie-Rock passt auf Glitterbug“ zwar in etwa so gut wie tiefsinnige Lyrics, eine angenehme Überraschung ist er dennoch und natürlich ein gelungener Gruß an die Ewig-Gestrigen.

Die Wombats kennen ihren Platz in der Musikwelt nicht erst seit gestern. Ihre Melodien sind eine Garantie für gute Stimmung. Das waren sie in „Let’s Dance To Joy Divsion“, das sind sie auch in „Your Body Is A Weapon“. Dass der verschrobene Indie-Rock deutlich mehr Charme hatte, als schwülstiger Synthie-Pop können sie da ohne Weiteres verkraften. Ebenso wie die Tatsache, dass an ihnen keine Literaten verloren gegangen sind. Die Festivalsaison wartet und die Meute will ihren Spaß haben – „Glitterbug“ wird ihn mitbringen. Und solange Murphy auf dem nächsten Werk wieder Sinnloses über Beuteltiere erzählt, ist ja doch alles halb so wild.

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
Die besten Konzerterlebnisse The National (Tanzbrunnen)

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