Tocotronic – Tocotronic (Das rote Album)

Band Tocotronic
Musikrichtung Indie
Redaktion
Lesermeinung
6

„Udo Jürgens ist tot, Jochen Distelmeyers Roman liest sich wie die Brigitte, alles, was uns noch bleibt, sind Tocotronic.“ Das schreibt der Kabarettist Oliver Polak in seiner Hommage an die Band in der Berliner Zeitung. Das, was uns im Moment von den Herren aus der Hamburger Schule bleibt, ist ihr neues Album – „Das rote Album“.

Musikalisch bleiben sich Tocotronic darauf treu und knüpfen nahtlos an ihr letztes Album „Wie wir leben wollen“ an. Einfach-geschwungene Gitarrenmelodien, ein treibendes Schlagzeug, dazu auch mal Geigen. Tanzbare Lieder wechseln sich mit sanften Akustik-Balladen ab und bieten eine gelungene Mischung. Und, anders als viele Bands heutzutage, beherrschen Tocotronic noch die Kunst des schöneren Fade-Ends. Textlich zwar gewohnt philosophisch und gesellschaftskritisch verstehen die Band es dennoch ihre oft drastische Meinung in schöner Poesie auszudrücken. Ihre Lieder handeln  vom Erwachsenwerden, von Selbstzweifeln und von den Missständen in unserer Welt.

Gerade das Thema Liebe nimmt auf dem „roten Album“ einen hohen Stellenwert ein – ein eher ungewöhnlicher Schritt für die Hamburger Band. Es seien aber Lieder über die Liebe, keine Liebeslieder, sagt Sänger Dirk von Lowtzow. Der Song „Spiralen“ handelt zum Beispiel von einer unerfüllten Liebe und einem Sog, aus dem der Protagonist nicht mehr herauskommt. „Ich drehe mich in Spiralen. Sie kreisen um dich.“ In der Ballade „Solidarität“ macht von Lowtzow dann auch seinen Standpunkt gegenüber Schutzbedürftigen klar – mit all der Kraft unserer harten deutschen Sprache, für mehr Solidarität: „Gejagt an jedem Tag von euren Traumata. Die ihr jede Hilfe braucht, unter Spießbürgern Spießruten lauft. Von der Herde angestiert, mit ihren Fratzen konfrontiert.“ Das Lied beschreibe die politsche Ausformung  von Liebe, so von Lowtzow. Ein Highlight ist ebenfalls „Diese Nacht“, ein verträumter Akustik-Song, der den Hörer zufrieden zurücklässt. Der Hidden-Track „Date mit Dirk“ aber stellt zum Schluss noch einmal das Überthema dieser Platte in den Vordergrund – die Liebe. Nur geht es dieses Mal um die Liebe zu sich selbst.

„Wenn ich noch schneller bin, geht alles schneller vorbei“, singt von Lowtzow in „Rebel Boy“. Doch das will der Hörer hier gar nicht. „Das rote Album“ wird auch nach dem dritten Mal Hören nicht langweilig, sondern verleitet brav zum Nachdenken, Träumen oder eben Tanzen. Tocotronic bleiben eine Macht. Das dürfte nach dieser Platte nicht nur Oliver Polak so sehen.

Autor Denise Frommeyer
Wohnort Mainz
Beruf Online-Redakteurin
Dabei seit November 2014
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