Touché Amoré – Lament

Album Lament
Musikrichtung Post-Hardcore
Redaktion
Lesermeinung
5.5

Mit ihrem fünften Studioalbum „Lament“ zementieren Touché Amoré ihren Status als absolute Ausnahmeband. Vier Jahre hat es gedauert, bis der Nachfolger zu „Stage Four“ nun veröffentlicht wurde. Über allem steht noch immer Jeremy Bolms markante, heisere Stimme. Alles beim Alten also? Ja und nein.

Touché Amoré erweitern ihren Post Hardcore-Kosmos wie schon mit jeder vorherigen Veröffentlichung auch dieses Mal in kleinen Schritten. Generell auffällig ist eine deutlich positivere Stimmung der Platte, alleine schon durch die viel häufigere Nutzung von Dur-Tonarten. So ist „Lament“ mit Sicherheit leichter zugänglich als die Frühwerke der Band aus Los Angeles. Die ein oder andere Passage mit Hang zum Powercord-Alternative-Rock-Riffing bis hin sogar zum ersten „ohohoho“ Chor in einem Touché Amoré Song („A Broadcast“) tut ihr Übriges dazu. 

Nun braucht man aber mit Sicherheit keine Angst zu haben, dass Touché Amoré zu einer beliebigen Alternative Band werden. Die hektischen, filigranen Gitarren findet man ebenso wie emotionale Ausbrüche (etwa auf „Exit Row“, „Deflector“) und auch zumindest kurzen Blastbeat gibt es mal wieder („Savoring“).

Auf dem Vorgänger „Stage Four“ gab es mit „Benediction“ und „Skyscraper“ gleich zwei Songs, in denen sich Jeremy Bolm an cleanem Gesang versuchte. Auf „Lament“ wird diese Weiterentwicklung wieder reduziert. Lediglich im ersten Teil des Abschlusssongs „A Forecast“ findet sich cleaner Gesang zu einem Klavier. Neu ist dagegen vielleicht das verstärkte Experimentieren mit unterschiedlichen Gitarreneffekten (etwa in „Lament“), der pointierte Einsatz einer Steel Pedal-Guitar oder die fast schon Country-inspirierten Bottleneck-Slides darauf in „A Broadcast“.

Die Kalifornier verändern sich also weiter ganz behutsam: Genau so viel, dass die Band sich nicht einfach selbst kopiert, aber niemals so viel, dass man die Ursprünge und das, was das Besondere dieser Band ausmacht, nicht mehr wiederfindet. Hier unterscheidet sich die 13-jährige Entwicklungsgeschichte der Band ganz klar von anderen Gruppen wie beispielsweise Thrice, die ihren Fans in demselben Zeitraum wesentlich mehr Veränderungen aufgebürdet haben.

Der Sound von „Lament“ ist wahnsinnig transparent. Jede Gitarre, zum Teil mehrere Gesangslinien, das komplette Drum-Kit sind jederzeit in allen Details zu hören und einzeln zu erkennen. Insbesondere die ersten Songs werden getragen von einem treibenden Bass. Die häufig filigranen Gitarren sind immer einzeln differenziert hörbar. Selten hat man eine Platte gehört, die gleichzeitig roh und doch sauber produziert klingt. 

Für diese Produktion zeichnet sich kein geringerer als Ross Robinson verantwortlich, der auch schon für Slipknot, Korn und At the Drive-In gearbeitet hat. Die beiden Parteien mussten sich erst einmal aneinander gewöhnen und so wurde entschieden, 2019 zunächst einen Song  aufzunehmen – quasi als Arbeitsprobe. Das Ergebnis aus dem letzten Jahr, „Deflector“, findet sich auf dem Album wieder. 

Der neue Produzent etablierte auch neue Sitten: So ließ er etwa Bolm seine Texte den anderen Bandmitgliedern zunächst vorlesen, damit auch allen deren emotionale Bedeutung klar wurde. Während „Stage Four“ sich sehr eindringlich mit dem Krebstod von Bolms Mutter beschäftigte, sind die Lyrics von „Lament“ eher als Reflexion über verschiedene Aspekte des Lebens seitdem zu verstehen.

Trotz der in Teilen positiveren Stimmung ist „Lament“ dabei weit entfernt von einem Album voller fröhlicher Songs. Das wird spätestens im Titeltrack klar: „You’d think by now I’d know my place / but I lose it almost every day / you’d think by now I’d have a grip / but again I’ve let it slip“ („Lament“) Auch die politische Lage in den Vereinigten Staaten kommentiert Bolm unmissverständlich: „I’ve lost more family members / not to cancer, but the GOP / What’s the difference? / I’m not for certain / They all end up dead to me“ („A Forecast“).

„Lament“ bietet so 11 hervorragende Songs ohne jegliche Ausfälle, dafür mit vielen Highlights: „Reminders“ mit einem absoluten Ohrwurm-Refrain, „Limelight“ mit Gast-Auftritt von Andy Hull (Manchester Orchestra), „A Forecast“, das zweigeteilt mit einem ruhigen Klavierteil beginnt, um dann das Album mit emotionalen Bombast abschließt:

I’m still out in the rain / I could use a little shelter / now and then