Turbostaat – Abalonia

Album Abalonia
Band Turbostaat
Musikrichtung Punk, Rock
Redaktion
Lesermeinung
6

Alles wie gehabt und doch nichts wie es war. Die sechste Platte von Turbostaat hat nicht nur alles, was die Band ausmacht, sondern auch ein Konzept. Die Flensburger schicken auf ihrem neuen Album „Abalonia“ eine namenlose Protagonistin auf eine Reise mit ungewissem Ausgang. Es ist zwar nicht das erste Mal, dass sich Punk-Musiker in das Metier „Konzeptalbum“ wagen, aber es stellt sich doch die Frage: Darf Punk das?

Alles ist besser, alles ist besser, alles ist besser als der Tod. Alles ist besser, alles ist besser, alles ist besser als das hier.

Im Mittelpunkt: Der Aufbruch der Protagonistin in eine neue Welt – das Fantasiereich „Abalonia“. Raus aus dem Moloch, der sie schon zu lange gefangen hält. Weg von der Perspektivlosigkeit, die ihr schon zu lange die Hände bindet und die Kehle abschnürt. Raus aus dem Krieg. Turbostaat nehmen uns mit auf eine Reise, die zum Nachdenken anregt – um die Ecke. Denn der Weg ist kein gerader: Angeleitet durch die typisch kryptischen Texten reist der Hörer der namenlosen Dame hinterher, tappt im Dunkeln, tastet sich ins Licht, stellt Vermutungen an – nur um im nächsten Moment wieder ganz am Anfang zu stehen. Aber mit jeden neuen Song wächst langsam die Erkenntnis:

Dieses Album steht nicht nur für den ersten Schritt in eine neue Zukunft, sondern auch für den Mut, der aufgebracht werden muss, um diesen ersten Schritt überhaupt zu wagen. Den Mut, sich der Hysterie der Massen zu entziehen. „Abalonia“ will die Ketten der Komfortzone sprengen und nagelt uns ein „Think outside the box“ auf die Stirn. Fast schon beängstigend, wie sich die Flensburger Punk-Institution von Album zu Album weiterentwickelt. Fortschritte, die sich nicht nur in den Texten bemerkbar machen. Musikalisch haben sich Turbostaat nah an den Sound von „Stadt der Angst“ gehalten – aber diesen noch geschliffen. Die Songs sperren sich dem Zuhörer nicht mehr so stark und öffnen sich für immer poppigere Momente. Was aber nicht heißen soll, dass hier Pop-Hits produziert wurden.

Die Songs öffnen sich immer noch nur langsam. Getragen von der bittersüßen Melancholie, die man fast schon als Turbostaat-Trademark bezeichnen könnte. Sänger Jan Windmeier gibt den Songs erneut ein unverwechselbares und stimmiges Gesicht. Laut oder leise, wie es das Lied eben verlangt. Neu hingegen ist der immer häufiger einfließende mehrstimmige Gesang – und der steht dem Album sehr gut. Besonders bei „Eisenmann“ dringt der Chor bis tief unter die Haut und fegt einem einen Schauer nach dem anderen über den Rücken. Unter die schnellen Punknummern („Der Wels“, „Totmannknopf“) mischen sich also auch balladeske Songs jenseits der Sechs-Minuten-Marke („Eisenmann“, „Die Toten“), die sich zu den eigentlichen Herzstücken des Albums mausern. Turbostaat waren schon immer unverschämt gut, aber noch nie so fesselnd.

Und sie ging den selben Weg. Nur weiter. Nur weiter. Vielleicht trifft man sie in Abalonia.

Turbostaat gingen auch den selben Weg – und weiter. Das neue Werk macht betroffen. Vom überragenden Opener „Ruperts Gruen“ bis zum finalen Befreiungsschlag des Titelsongs ist „Abalonia“ eine hinterfragende, nachdenkliche und ungemein ehrliche Platte geworden. Es bleibt also nur zu sagen: Natürlich darf Punk das – und Turbostaat erst recht!

Autor Andreas Steiner
Wohnort Stuttgart
Beruf Redakteur
Dabei seit März 2011
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