Turbostaat – Uthlande

Album Uthlande
Band Turbostaat
Musikrichtung Punk, (Post-)Punk
Redaktion
Lesermeinung
7.5

Manchmal kommen sie wieder: Turbostaats „Abalonia“ war das groß angelegte Konzeptalbum, ein Austesten, wie weit man sich in den Grenzen des Posts und des Punks bewegen darf. Sowohl textlich als auch musikalisch sehr viel auf einmal, und deswegen so gut. Und jetzt? Viele Bands, die sich immer weiter vom ungestümen Haudrauf der Anfangstage entfernt haben und zwischendurch tatsächlich zu etwas Ähnlichem wie Musikern herangereift sind, versuchen spätestens ab Platte Nr. 6 oder 7, wieder die Kurve zu kriegen. Wir gehen jetzt back to the roots und beweisen den Fans erster Stunde, dass da immer noch das Punkerherz in der Familienvater- und Arbeitnehmer-Brust schlägt! Sehr oft geht das in die Hose. Turbostaat kommen mit „Rattenlinie Nord“, kratzigen Gitarren und Sprachsamples aus dem letzten Jahrhundert – und schaffen es.

Das neue Album des norddeutschen Fünfers, „Uthlande“, zerschlägt bisher Ausprobiertes und das alteingesessene Repertoire und setzt es wieder einmal neu zusammen. Das Storytelling erinnert an „Vormann Leiss“, in den Melodien sitzt noch immer die Eingängigkeit, die seit „Stadt der Angst“ zum Bandkonzept gehört, der Drive ist ein bisschen wie ganz früher. Es gibt die Backgroundgesänge, die immer mindestens zwei Meter über dem Boden schwebenden flirrenden Gitarren, den gruseligen Kinderchor, alles da. Aber es gibt aufs Maul: Das „Heilehaus“, die „Stine“ und die „Meisengeige“ rumpeln ordentlich. „Hemmingstedt“ ist ein gar post-hardcoriges Gewitter. Melodiöser und verspielter kommen unter anderen der „Brockengeist“ und „Ein schönes Blau“ daher – gerade Letzterer für Turbostaat-Verhältnisse schon beinahe Singalong und fröhliche Indie-Single. Und deswegen der Fremdkörper inmitten all der Misantrophie, die folgt.

Die Menschen, von denen Turbostaat singen, sind ganz schön trostlos, verkommen und gemein. Die Nachbarn zerreißen sich das Maul, wenn ihnen auch nur das kleinste Detail nicht in den Kram passt, zeigen mit den Fingern, missgünstig und erhaben. Von wem wird hier gesungen, etwa den Deutschen an sich, oder doch nur von den griesgrämigen Eigenbrötlern aus dem friesischen Hinterland? Viele Nummern auf „Uthlande“ handeln von der Isolation, dem Ausgesperrtsein aus dem Leben der anderen, und der Ohnmacht, dagegen etwas ausrichten zu können. „Und wenn du endlich tot bist, wirst du als Original in die Chronik dieser Stadt eingehen“, aber zu Lebzeiten bist du zu komisch in Gesellschaft. Ein bisschen ist „Uthlande“ Musik gewordene Milieustudie, dabei eher teilnehmende Beobachtung als Interpretation. „Wie doof muss doch die Sonne sein, dass sie noch immer scheint?“ Niemand sollte hier leben müssen.

Zwölf neue Kurzgeschichten von Turbostaat: Punk erfreut sich bester Gesundheit, bloß die Knochen knacken ein bisschen beim Hinsetzen, ist aber egal. Das noch junge Jahr hat sein erstes Glanzstück bekommen, das da handelt von Seemännern, dem Nebel, von Bauernhöfen und Engeln. „Und Glückskeks auf! Was steht denn da? Wer den Schnee umarmt, wird die Kälte akzeptieren“: durchhalten, weitermachen, bis zum nächsten Mal. Turbostaat sind tatsächlich immer noch nicht langweilig geworden.

„Mehr musst du gar nicht tun. Mehr kannst du gar nicht tun!“

Autor Ralf Hoff
Wohnort Frankfurt
Beruf Student
Dabei seit Oktober 2018
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