Turnover – Altogether

Album Altogether
Band Turnover
Musikrichtung (Dream) Pop
Redaktion
Lesermeinung
7

Ach, ist es nicht bisweilen furchtbar hektisch unser modernes Leben? Ein bisschen Entschleunigung, um sich mal wieder auf das Wesentliche zu besinnen, vielleicht gepaart mit ein paar Wochen digital detox. Sicher keine schlechte Idee. Täglich eine ordentliche Portion Instagram-Likes einheimsen, zwei, drei knallige Tweet raushauen und etwas Wallung in die heimische Filterblase bringen – das mag manchem den Tag versüßen, nachhaltige Befriedigung stiftet es wohl kaum. Von Sinnhaftigkeit mal ganz zu schweigen.

Nun ist nicht bekannt, wie es die drei Herren von Turnover mit derlei Dingen halten. Die gut 90 000 Instagram-Follower werden jedenfalls bloß pflichtschuldig mit ein paar Show-Ankündigungen, Song-Snippets und wenig subtiler Merch-Reklame bei Laune gehalten. Dass sich dahinter eine tiefere Botschaft verbirgt, darf bezweifelt werden. Musikalisch geht es bei Austin Getz und seinen Kumpanen allerdings seit geraumer Zeit tatsächlich ziemlich entspannt zu. Gegen die ostentative Wohlfühlplatte „Good Nature“ war Vorgänger und Hit-Album „Peripheral Vision“ geradezu ein dynamisches Wunderwerk.

Doch „Good Nature“ fehlten nicht bloß markante Riffs und ein bisschen Tempo. Vor allem die emotionale Tiefe, Getz textlich recht simple, aber ungemein nahbare Erzählweise ließen einen auf „Peripheral Vision“ nur allzu bereitwillig mitleiden, schwärmen und verzweifeln. Ein solches Album schreibt man nur einmal. Bloß: Das ist kein Grund, um danach in Lethargie zu verfallen.

 

„Altogether“ ist so in seiner Gesamtheit umso tragischer, wo doch schon der Opener („Still In Motion“) zeigt, wie ein neuer Frühling dieser zweifellos hoch talentierten Band aussehen könnte. Der angenehm-jazzig angehauchte Beginn mit schickem Saxophon weicht flirrend-treibenden Melodien, die aber nicht wunderbar melancholisch wie auf „Peripheral Vision“ daherkommen, sondern einem ganz anderen Gefühl den Weg bereiten. Getz klingt angekommen, mit sich im Reinen, erwachsen und lässt sich seelenruhig in das bunte, musikalische Bett fallen. Ein perfider Ohrwurm, von einer Klasse, wie sie auf ihrem 2015er Meisterwerk zuhauf zu finden waren, nur eben ohne die melancholische Reise in die Vergangenheit.

Neuere, aber ähnlich gelungene Wege geht „Ceramic Sky“, das gut und gerne in einer mondänen Bar laufen könnte, während sich die elegant gekleideten Gäste an hochpreisigen Drinks laben. Funktioniert freilich auch für alle jene prächtig, die weder solche Etablissements, noch eine solche Gesellschaft aufsuchen wollen. Auch das ausgefuchst-muntere „Plant Sugar“ verdient Lob – alleine die Basslinie macht süchtig.

 

Allzu oft weichen moderater Drive, gediegene Jazz-Ausflüge und wohltemperierter Lounge-Vibe aber einer gefährlichen Lethargie. „Much After Feeling“ etwa geht jeder Pepp ab und schon wirkt die Darbietung unangenehm anbiedernd. In „Parties“ klingt dann auch Getz allmählich träge und von der tänzelnden Leichtigkeit ist kaum mehr etwas übrig. Mit „Valley Of The Moon“ erreicht die Schläfrigkeit ihren unrühmlichen Höhepunkt. Auf Dauer wirkt „Altogether“ so derart aufreizend unaufgeregt, dass es anstrengend wird. Und hat sich dieses Gefühl einmal eingeschlichen, sieht es auch für die gefälligen „Number On The Gate“ und „No Reply“ düster aus.

Turnover haben nach wie vor ein feines Händchen für luftig leichte Pop-Melodien. Die funktionieren auch ohne Melancholie tadellos – aber nicht ohne Verve und das Gespür für die besonderen Momente. Beides verliert auf „Altogether“ gegen ein Übermaß an Trägheit.

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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