Turnover – Peripheral Vision

Band Turnover
Musikrichtung Indie, Emo
Redaktion
Lesermeinung
7

Ein Junge, ein Mädchen: Das ist wahrscheinlich die älteste und einfachste Song-Formel der Welt. Auf „Peripheral Vision“ halten es Turnover also quasi simpel – und machen ihren Zweitling dennoch komplex. Wo Liebe ist, ist nicht nur Aufregung, Intimität und Magie. Da ist immer auch die Angst vor Enttäuschung, vor Verlust, vor unheilbaren Wunden und tiefen Schnitten.

„I never wanted to let you go. You might be a stranger now … but every dream I’ve ever had has been of you and that ten-month summer.“

Den ersten tiefen Schnitt setzt Austin Getz früh: „Cutting My Fingers Off“ beginnt mit einer Erinnerung an ein Mädchen und verrät bereits das Ende – genau wie die Erinnerung ist auch das Mädchen längst Vergangenheit. Aus diesen ersten, mitreißenden Momenten taucht „Peripheral Vision“ in die Monate und Jahre davor ein. Das Ende zu kennen, macht das Album nicht weniger spannend.

„You always say that every thought I had was geometric. That I couldn’t think outside my own lines.“

Sanfte Gitarren, weiches Schlagzeug, dahin schwebende Melodien und eine Rhythmik leicht wie Luft: Das Quartett aus Virginia Beach klingt 2015 so gar nicht mehr wie noch auf ihrer selbstbetitelten EP – und nach so einem Kurswechsel könnte eine Band kaum besser dastehen. Turnover leiteten diesen Wechsel von rauem Emo-Punkrock zu melancholisch verträumtem Indie bereits auf ihrem Debüt „Magnolia“ ein. Auf „Peripheral Vision“ ist er vollzogen. Das Album ist in seiner Instrumentierung nicht allzu abwechslungsreich, die Melodien sind eingängig und oft eher simpel. Eintönigkeit und Gleichförmigkeit sind aber definitiv nicht dasselbe; und gerade die Gleichförmigkeit verleiht „Peripheral Vision“ seine eindrückliche wie nachdrückliche Atmosphäre. Turnover verweben die elf Songs durch das luftige, sanft treibende Klangbild zu einem einnehmenden Ganzen. Zurückhaltend breiten die Instrumente einen warm schwingenden Klangteppich aus, der Austin Getz’s verträumte, sehnsüchtige Zeilen perfekt transportiert.

„I sing along to a song that I know, I sing it over and over, let it hypnotize you … Hold my hands, you can follow my lead … Would you come here and spin me? Ive been dying to catch you dizzy.“

Die Texte verweben sich dabei zu einem immer komplexeren Bild von einer langen Beziehung, die als Freundschaft begann und schließlich in Entfremdung endete. Es sind Erinnerungen an glückliche Tage, dunkel gefärbt durch das Wissen um den Ausgang; und es sind bittere Erkenntnisse nach dem Ende, verloren und traurig in ihrer Nostalgie. Wie eine Erinnerung auch bleibt das Bild letztendlich unvollständig, erschafft dafür aber eine greifbare Gefühlswelt.

„I know you’re probably sick of always sorting me out … Your father doesn’t like me cause I’m not into sports, and your mother wont approve because I’m not under the cross. I took up with them for your sister’s wedding just to help you pretend.“

Die elf Songs ziehen ihre emotionale Kraft aus ihrer erzählerischen Vielschichtigkeit. Manchmal verschwimmen ganze Tage und Wochen zu einem schwerelosen Zustand. Dann wieder sind einzelne Momente so scharf umrissen und lebendig, dass eine plötzliche Schwerkraft in stechende Sehnsucht zieht. Obwohl es große zeitliche Distanzen (bis manchmal in die Kindheit) zurücklegt, zieht „Peripheral Vision“ einen immer wieder in die Magie des Augenblicks. Ständig springt der melancholische Funken über in kleine Melodien und einzelne Zeilen. Unvermittelt fallen Turnover zurück, obwohl sie eigentlich schon so viel weiter waren. Bis dann am Ende nichts mehr bleibt als frustrierte Reue.

„Forget the nights that we spent laughing till the morning on the bedroom floor without a thought of your roommates down the hall. Forget the days that we wasted in bed, tangled and smoke still on your breath. undressed. … I would hate you if I could.“

„Peripheral Vision“ atmet den Dark-Pop der Achtziger und den Emo der 90er. Es ist ein melancholisches, verträumtes Album über die Liebe und wie das Leben sie verändert und manchmal enden lässt. Auch was lange zurückliegt, treibt weiter Wunden. Man spürt jeden Stich und Schnitt.

Autor Enno Küker
Wohnort Tübingen
Beruf Student
Dabei seit Mitte 2011
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Top-Alben ...kommen und gehen. Immer gut: Bahamas - Pink Strat // Brand New - The Devil and God are Raging Inside Me // Bruce Springsteen - The River // The Chariot - One Wing // Cigarettes After Sex - s/t // Emery - I'm Only A Man // Every Time I Die - New Junk Aesthetic // Godspeed You! Black Emperor - Allelujah! Don't Bend, Ascend // La Dispute - Wildlife // Taking Back Sunday - Tell All Your Friends
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