Vales – Wilt & Rise

Album Wilt & Rise
Band Vales
Label 6131 Records
Musikrichtung Hardcore
Redaktion
Lesermeinung
6

Namen sind Schall und Rauch, das wusste schon Goethes Faust. Vielleicht haben sich im Sommer 2012 damals noch Veils an diesen erinnert, als plötzlich der Namensvetter vor der Tür stand und die Senkrechtstarter (so gar nicht im Faust’schen Sinne) zur Namensänderung zwang. So verbirgt sich hinter „Veils“ seitdem nur noch eine Londoner Indieband mit amüsant exzentrischem Frontmann, während Edwards & Co als „Vales“ weiter ihre Kreise ziehen. Geändert hat sich freilich nur auf dem Papier etwas, denn „Vales“ spricht sich haargenau gleich wie „Veils“ – der englischen Phonetik sei Dank. Ja, clever sind sie diese vier Briten und weil sich ihre Raffinesse nicht bloß auf juristische Kabbeleien beschränkt, haben sie für ihr Debütalbum auf die gleiche Masche vertraut: Wem „Clarity“ noch in den Ohren klingt, fühlt sich auf „Wilt & Rise“ vom ersten Schrei an wie zu Hause!

Maßgeblich verantwortlich ist dafür immer noch Chlo Edwards. Die Rachegöttin, sie wütet einfach unverwechselbar. Der altrömischen Furie gleich fegt sie durch die Platte und vergeht mal in brachialem Hass, mal in blanker Verzweiflung – bis ihre Stimme in totaler Erschöpfung bricht. Musikalisch ist das brillant, aber als Gruß an alle (verkappten) Chauvinisten in einer Szene, die genau diese eigentlich überwunden haben will, vielleicht noch wertvoller.

In jedem Fall exquisit ist aber die Arbeit ihrer Mitstreiter! „Wilt & Rise“ bietet weniger Raum zum Atmen als noch die EP, das Gros an ruhigeren Parts hat man vorsorglich gleich in einem Song („Katrina“) geparkt, stattdessen regieren ein treibendes Schlagzeug und ihre Spezialität – herrlich flirrende Gitarrenparts. Das Ergebnis ist Dramatik pur und zwar weit weg von theatralischen Heulorgien. Klangvolle Parts und Kleinholz ideal zu mischen macht eben den Unterschied aus und Vales haben gerade hierfür ein verdammt feines Näschen. Brecher wie „Open Arms“ oder „Wildfire“ unterstreichen das dick & fett. Wer will hört hier bisweilen auch die frühen More Than Life heraus.

Wehrmutstropfen gibt es bei solch einer Vorstellung naturgemäß wenige. Auf EP-Kürze bot der furiose Abriss zwar noch mehr Punch, dafür hatte man sich an an den fünf Songs aber auch schnell satt gehört. Wirklich vorhalten könnte dem Quartett höchstens das Versäumnis nicht wieder einen Übersong wie „Caves (Anxiety)“ abgeliefert zu haben, doch ließe das wiederum die feine englische Art vermissen, was bei einem Debüt dieser Güte wahrlich unangebracht wäre! Wenn’s mit „Wilt & Rise“ bald auf Tour geht sind wir eh mehr als zufrieden und vielleicht schauen ja auch Veils mal vorbei. Nächstes Projekt dann bitte Split-EP – unter welchem Namen auch immer.

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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