2010er-Jahre: Die Lieblingsalben der Stageload-Redaktion

2010er-Jahre: Die Lieblingsalben der Stageload-Redaktion

Eine Dekade liegt in ihren letzten Zügen. In wenigen Wochen sind die 2010er-Jahre Geschichte. Grund genug, einen Blick zurück zu werfen. Hinter uns liegen aufwühlende Jahre, nicht nur politisch hat sich einiges verändert. Rechte Parteien erleben international einen beängstigenden Zulauf, ein Dämagoge ist seit nunmehr drei Jahren Präsident der Vereinigten Staaten und nicht zuletzt hält uns die Klimakrise zunehmend in Atem.

Auch die Musikwelt sah sich weitgreifenden Veränderungen ausgesetzt: Durch das Aufkommen der Streaming-Dienste rund um Flagschiff Spotify scheinen Alben in ihrer Gesamtheit an Wert verloren zu haben. Playlists sind zum vorherrschenden Musik-Medium geworden, mit einzelnen Songs unterschiedlicher Künstler, die sich unter einem Banner zusammen finden. Das gibt dem Hörer die Möglichkeit, stimmungsvolle Medleys zu kreieren – den Musikern und ihrem Schaffen kann es aber selten gerecht gewerden. Zu viel Arbeit steckt in einem Album. Konzeptuelle Denke und eigene musikalische Weiterentwicklung haben weitreichend an Stellenwert eingebüßt. Gerade für kleinere Acts wird es umso schwerer, Fuß zu fassen. Der eine Hit, er schreibt sich eben nicht einfach so. Für ein großartiges Album ist und war er teils aber nicht einmal nötig.

Stageload hat intern abgestimmt: Welche Alben haben uns seit Anfang 2010 besonders überzeugt, sind zu täglichen Begleitern geworden und werden vielleicht auch das nächste Jahrzehnt überdauern? Klar ist, nicht alle Alben die es verdient hätten, haben einen Weg in diese Liste gefunden. Als Magazin für alternative Musik sind natürlich auch einige populäre Alben mit zu wenig Nennungen außen vor, die objektiv betrachtet zu den prägendsten der Dekade gehören dürften. So tauchten Künstler wie Taylor Swift, Kendrick Lamar, Beyonce, Lorde oder Frank Ocean zwar in vereinzelten Listen auf, in die Top 10 schafften sie es jedoch allesamt nicht. Den gottgleichen Kanye West hingegen verschmähte die komplette Redaktion.

Das sind sie nun also, unsere Top 10 aus ebenso vielen Jahren Musik. Alben, die uns prägten, die wir mit schönen Zeiten verbinden, oder die uns einfach aufgrund ihrer Qualität komplett vom Hocker rissen. Zunächst aber folgen die besten fünf Platten, die knapp an dieser Liste vorbeigeschrammt sind.

Knapp vorbei:

 

Arcade Fire – The Suburbs (2010)

Arcade Fire waren schon immer eine extravagante Band, die versuchte, sich mit jedem Album neu zuerfinden – sei es durch den Einsatz ungewöhnlicher Instrumente, verschiedenster Kollaborationen oder verrückter Texte. Besonders gut gelungen ist ihr das auf „The Suburbs“, das 2010 erschien. Eindrucksvoll arrangieren die Musiker Klanggebilde, die zu epischen Melodien heranwachsen – wie zum Beispiel auf „Ready To Start“ oder „Rococo“. Dazu verstrickt sich die Band in komplizierten, metaphorischen Texten, die den Hörer immer wieder zum Nachdenken anregen. Highlights: „Suburban War“ und „Sprawl II“, zu dem auch ein recht seltsames Musikvideo gedreht worden ist.

– Denise Frommeyer

Kettcar – Ich vs. Wir (2017)

Nach fünf Jahren Schaffenspause setzten Kettcar mit dem Song „Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“ ein ganz großes Ausrufezeichen. Kein Song – ein Statement. Mit „Ich vs. Wir“ hat die Hamburger Band es geschafft sich neu zu erfinden und doch ihrem Stil treu zu bleiben. Intelligente Texte, die den Zeitgeist treffen, klar Probleme benennen, aber auch einfach wahnsinnig gute Geschichten erzählen. Songs voller Details und Anekdoten, die dabei am Ende nie das Wichtigste aus dem Auge verlieren: die Musik. Lieder wie „Benzin und Kartoffelchips“ oder „Wagenburg“ manifestieren die Ausnahmestellung von Kettcar in der deutschsprachigen Indie-Szene.

– Jannik Holdt

La Dispute – Wildlife (2011)

Dramaturgisch ist „Widlife“ das Beste, was diese so herrlich-verqueren Alleskönner bislang geschrieben haben. Die emotionale Rauheit der frühen Jahre und Dreyers meisterhaft-poetische Introspektiven in allen Ehren – die Lyrics in Kombination mit einem perfekten Gespür für Spannung lassen nicht nur „King Park“ lange nachhallen. Da sieht der geneigte Hörer über die durchaus vorhandenen Längen bereitwillig hinweg. Schließlich wird er etwa mit dem famosen „The Most Beautiful Bitter Fruit“ belohnt, das viel zu oft vergessen wird – bei aller berechtigten Begeisterung für „King Park“.

– Benjamin Fischer

Spanish Love Songs – Schmaltz (2018)

Gleich beim ersten Hören wird klar, dass “Schmaltz” wesentlich bekömmlicher ist was den Cholesterinspiegel angeht als sein fettiges Pendant. Das charakteristische Vibrato in Dylan Slocums Stimme verleiht den eingängigen Melodien eine gewisse Tragik. Seiner Band ist die logische Weiterentwicklung des Erstlings “Giant Sings The Blues” gelungen. Abwechslungsreicher Emo-Punk der von Meredith van Woerths Keyboard wohldosiert begleitet wird und Slocums schwermütige Texte ideal untermalt. Elf Songs, irgendwo zwischen The Menzingers und Jimmy Eat World, die sowohl zum Roadtrip im Sommer als auch zur heißen Tasse Tee auf der Couch gehört werden können.

– Philip Kleinau

Sufjan Stevens – Carrie & Lowell (2015)

Der Tod seiner Mutter stürzte Multiinstrumentalist Sufjan Stevens 2012 in eine Sinnkrise und gab ihm nach einer drei Jahre währenden Phase mit Eskapaden Anlass zur Veröffentlichung seines eventuell bisher besten Albums „Carrie & Lowell“. Das schwierige Verhältnis zu seiner bipolaren, drogenabhängigen Mutter und seinem empathischen Stiefvater machte aus „Carrie & Lowell“ einen dramatisch traurigen Longplayer mit unaufgeregten Indie Folk-Songs, die auch nach Jahren noch tief berühren. Ob hoch über den Wolken, im gemütlich beleuchteten Wohnzimmer oder beim Autofahren durch die Dunkelheit: „Carrie & Lowell“ ist immer eine gute Wahl.

– Ines Kirchner

Unsere Top 10:

 

10. Fjørt – Couleur (2017)

Egal ob bei Black Sabbath, Led Zeppelin oder Metallica: das dritte Album einer Band ist wegweisend. Ob die drei Jungs aus Aachen in einigen Jahren ebenfalls solchen Kultcharakter besitzen werden, bleibt abzuwarten, jedoch würde ihr drittes Album “Couleur” die oben genannte Hypothese stützen. Der Sound etwas brachialer als auf dem Vorgängeralbum “Kontakt”, die Message weiterhin die gleiche. In einer Zeit in der Fremdenfeindlichkeit und Rassismus scheinbar wieder salonfähig werden, ist es umso wichtiger Augen und Mund zu öffnen und an Menschlichkeit und Toleranz zu appellieren. “Aber eins ist gewiss, wirst du mundtot gemacht weil deine Denke hier nicht passt dann steh auf und sprich!”

– Philip Kleinau

 

9. Architects – All Our Gods Have Abandoned Us (2016)

Es wäre keine Übertreibung, die Architects als Band der Stunde zu bezeichnen. Während sich der Metalcore schon in eine Sackgasse verrannt zu haben schien, wurden die Briten mit einer neuen, progressiven Spielart populär. So populär, dass die Gruppe im Februar 2018 das legendäre Ally Pally füllte und in Ekstase versetzte. Das aktuelle Album zu diesem Zeitpunkt hieß noch „All Our Gods Have Abandoned Us“. Das ist sicherlich kein Zufall. Schließlich schrieben die Architects mit ihrem siebten Studioalbum ein nahezu perfekt durchkomponiertes Album, das die Hörer auf musikalischer wie textlicher Ebene mitriss und dem vermeintlich so verstaubten Metalcore ein stückweit den Weg wies. Daneben war „All Our Gods Have Abandoned Us“ natürlich ein entscheidender Schritt in der beeindruckenden, zuletzt leider auch tragischen Geschichte der Band. Beeindruckend, weil die Architects mir ihrem Songwriting Maßstäbe setzten und setzten und das bei Album Nummer sieben alles andere als selbstverständlich ist. Tragisch, weil Tom Searle den Kampf gegen den Krebs verlor und den Abend im Ally Pally nicht mehr miterleben durfte. Searles Erbe haben die Architects indes zweifelsohne fortgesetzt – „Holy Hell“ bewies im vergangenen Jahr einmal mehr die Klasse der Briten.

– Joshua Claaßen

 

8. Julien Baker – Sprained Ankle (2015)

Selten war Musik gleichermaßen so fragil wie kraftvoll. Wenn Julien Baker zur Gitarre greift und ihr emotional aufwühlendes Innenleben nach außen kehrt, bleibt selten ein Auge trocken. Während der Nachfolger „Turn Out The Lights“ auf instrumentaler Ebene noch einmal zulegte, war es vor allem Bakers spleenig direktes Debüt-Album „Sprained Ankle“, dass ihr den Weg in die musikalische Welt ebnete. Songs wie der Titeltrack, das wunderbare „Rejoice“ oder „Go Home“ sind schonungslos ehrlich und versprühen eine beinahe angenehme Traurigkeit, von der eine bisweilen reinigende Wirkung ausgeht. Wenn sich Baker anschickt, aus voller Kehle ihre innere Zerrissenheit in die Welt zu klagen, dann hat das nichts Anmaßendes, sondern ist wunderbar kathartisch.

– Sascha Schüler

 

7. Brand New – Science Fiction (2017)

Während Jesse Lacey nach fragwürdigem Verhalten gegenüber weiblichen Bekanntschaften für manche sowieso gestorben ist, trug er mit Garrett Tierney, Brian Lane und Vincent Accardi ihr Lebenswerk Brand New 2017 würdig zu Grabe. „Science Fiction“ war die späte Implosion eines faszinierenden Kosmos, dessen Sog in der Stille noch größer wurde. Neun Jahre vergingen seit „Daisy“, andere Bands aus den Emo-Gefilden der 2000er waren längst in Vergessenheit geraten, der Status des Quartetts aus New Jersey hingegen war: Kult. Etwas kulthaftes zieht sich auch durch „Science Fiction“ – eine apokalyptische Atmosphäre und rätselhafte Referenzen bestimmen ein vielschichtiges Klanggebilde, das zwischen eingängigen Rocknummern und ausufernden Prog-Tracks oszilliert und damit auch 18 Jahre Brand New destilliert. Die angesprochene Endzeitstimmung passt nicht nur in den allgemeinen Zeitgeist, sondern auch ganz konkret zu einer Band, die für viele eine musikalische Schlüsselerfahrung blieb: Es gibt nur noch vor und nach, pre- und post-, BC und AD. Wir befinden uns im Jahr 1 n.BrNw., und ihr Werk hat nichts an Wirkung verloren.

– Enno Kueker

 

6. Bon Iver – Bon Iver (2011)

Seit einiger Zeit befindet sich der umtriebige Justin Vernon auf der selbstauferlegten Mission, möglichst avantgardistisch zu klingen – was im Endeffekt bedeutet, dass er seine Songs in unzählige vielfältig tönende Versatzstücke zerhackt. Manch einer jubiliert und kürt Vernons Pop-Monster zum „state of the art“, während andere einige Exemplare schätzen, ansonsten aber lieber in der Vergangenheit schwelgen. Kann man ihnen nicht verdenken, schließlich war Vernons „Bon Iver“ ein atmosphärisches Großwerk und obendrein perfektes Weihnachtsalbum, gerade weil es eigentlich keines ist. Behaglich warm, geprägt von einer mitreißend drängenden Emotionalität und durchzogen mit derart vielen großen Momenten – da muss der moderne Vernon hinten anstehen.

– Benjamin Fischer

 

5. Casper – XOXO (2011)

Für deutschsprachigen Hip-Hop waren die 2010er Jahre sehr prägend. Seinen Beitrag dazu hat auch der Bielefelder Casper geleistet, der zwar schon in den 00er Jahren auf der Bildfläche erschien, seinen Durchbruch aber 2011 „XOXO“ schaffte. Darauf gab er sich aber nicht mit den Kopfnicker-Beats und Geschichten von der Straße zufrieden, sondern schaffte es brachiale Gitarrenmelodien und glaubwürdige, emotionale Texte zusammenzubringen. Dabei ging es um das gesamte Spektrum des Lebens: Ausgrenzung, Familie, Liebe, Fremdgehen, Ausbrechen aus Strukturen und Widerstand. Noch heute spielen Songs wie „Auf und davon“, „XOXO“ oder „So perfekt“ eine große Rolle bei seinen Fans, da sie sich verstanden fühlen. Denn Casper öffnete mit diesem Album die Tür zu seinem eigenen Seelenleben – und gibt so mit seinen Texten bis heute Halt.

– Denise Frommeyer

 

4. Deafheaven – Sunbather (2013)

Black Metal ist mittlerweile salonfähig. Das liegt zwar nicht ausschließlich, aber zu einem beträchtlichen Teil an den Kaliforniern von Deafheaven. „Sunbather“ war 2013 der vielzitierte Gamechanger. Angefangen beim farblich ungewöhnlichen Cover, über die flirrenden und einnehmenden Gitarrenwände bis hin zu George Clarkes abstrakten und obskuren, gekeiften Lyrics: Das zweite Album von Deafheaven ist ein monumentaler Tagtraum und eines der besten Metal-Alben der letzten Jahre. „Sunbather“ konnte damals als bahnbrechend bezeichnet und darf heute als wegbereitend angesehen werden. Anderen Bands aus dem Kosmos wird teilweise zu wenig Beachtung geschenkt. Deafheaven jedoch verdienen jegliche Aufmerksamkeit. Diese haben sie sich hart erarbeitet – und sie gipfelte im letzten Jahr in einer völlig berechtigten Grammy-Nominierung.

– Sascha Schüler

 

3. Stick To Your Guns – Diamond (2012)

Das vierte Album der Kalifornier war 2012 eine Art Meilenstein. Den fließenden Übergang zwischen Hard- und Metalcore so gut hinzubekommen, das war irgendwie neu. „Diamond“ beinhaltet einige der größten Hits der Band wie „Against Them All“ und „We Still Believe“. Die Mischung aus harten Screams und melodischen Gesängen, die Jesse Barnett auf dieser Platte ablässt, sowie der Sound, der zwischen Punk und Metalcore angesiedelt ist, sind bis heute konkurrenzlos. Sieben Jahre und die Alben „Disobedient“ und „True View“ später, ist der Diamant immer noch allgegenwärtig. Als Cap, T-Shirt oder Tattoo. Auf jeder Hardcore-Show begegnet einem das Logo dieses Klassikers, der ohne Frage ein Evergreen des Genres werden wird.

– Tobi van de Wildmannen

 

2. The National – Trouble Will Finde Me (2013)

Die fünf Wahl-New Yorker sind an Lobpreisungen spätestens seit „Boxer“ gewöhnt und selbstverständlich heimsten sie auch für „Trouble Will Find Me“ reihenweise ein. Natürlich wird Matt Berninger nie im klassischen Sinne wirklich Singen können. Doch diesen Mangel an formaler Bildung machen schon die hochdekorierten Dessner-Zwillinge mehr als wett. Mit dem nicht minder talentierten zweiten Brüder-Paar, den Devendorfs, bildet dieses kongeniale Quintett eine Band, die ihresgleichen sucht – „Trouble Will Find Me“ war ein neuerlicher Beweis. Niemand durchwandert all die Irrungen und Wirrungen des menschlichen Daseins so eindrücklich wie Matt Berninger in Begleitung seiner musikalisch brillanten Compagnons. Zum Niederknien, immer und immer wieder.

– Benjamin Fischer

 

Unser Sieger: 1. Touché Amoré – Parting The Sea Between Brightness And Me (2011)

Heute sind Jeremy Bolm und seine Mitstreiter von den Bühnen der alternativen Musik-Szene nicht mehr wegzudenken. Alle Jahre wieder trifft man sich mittlerweile in mittelgroßen Hallen statt verstaubten AZs. Auch wenn man die kleinen Club-Shows vermissen mag, den Erfolg haben sich Touché Amoré allemal verdient. Der Arbeitsethos der Band aus der City of Angels sucht seinesgleichen: Mittlerweile kann man auf vier Alben zurückblicken, hat die letzten verwinkelten Orte dieses Planeten bespielt, zuletzt anlässlich des zehnjährigen Jubiläums der Debüt-Platte. Dabei sind sich Touché Amoré immer treu geblieben. Die Authentizität, die von den Fünf ausgeht, ist nach so langer Zeit im Geschäft nahezu beängstigend.

„Parting The Sea Between Brightness And Me“ war das zweite Album und der absolute Durchbruch der Band. Dabei steht das Album wunderbar im Zentrum der Diskografie und ist Schnittstelle zwischen Hardcore-Kids und Indie-Publikum. In gerade einmal zwanzig Minuten frühstücken Bolm und Co. hier dreizehn Songs ab. Trotzdem kommt die Nummer zu keiner Zeit stumpf daher, ganz im Gegenteil: Die Melodik, die Touché Amoré in diese wenigen Minuten Geknüppel verweben konnten, ist bis heute einzigartig. „Parting The Sea…“ ist das wegweisende Album einer großartigen Band, die uns hoffentlich noch länger erhalten bleibt.

– Sascha Schüler

Autor Sascha Schüler
Wohnort Magdeburg
Beruf Student
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews
Top-Alben American Football - American Football, Have A Nice Life - Deathconsciousness, Deafheaven - Sunbather, Duster - Stratosphere, Julien Baker - Turn Out The Lights
Die besten Konzerterlebnisse Iron Chic, Comadre, Julien Baker

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