Goodbye Alexisonfire – Ein Abend auf Tuchfühlung

Goodbye Alexisonfire – Ein Abend auf Tuchfühlung

Das hier ist auch eine Geschichte des Neids. Wenn sich eine Band wie Alexisonfire das letzte Mal in Europa die Ehre gibt, kann es naturgemäß nur mehr Verlierer als Gewinner geben. Keiner unserer Redaktion durfte sich zu Letzteren zählen. Freilich schmerzte das nun nicht jeden, doch ein gewisses Gespür für das Gefühl eine prägende Band seines Lebens endgültig zu verabschieden haben wir alle. Das hat jeder. Doch selbst die kühnsten Träume sind leider nichts gegen die Möglichkeit dies leibhaftig zu erleben. Unser Leser Carl Philipp hatte sie, diese unschätzbar wertvolle Möglichkeit und hat für uns seine Gefühle, Gedanken, Erlebnisse festgehalten. Getreu dem Motto „besondere Momente verdienen besondere Formate“ ist es kein einfacher Konzertbericht geworden, was schon deshalb fatal gewesen wäre, da sich sein Abend nicht auf das bloße Konzert beschränkte. Vielmehr ist es der Versuch die Stimmung um diesen Tag mit all ihren Facetten einzufangen. Der Versuch das Unfassbare in Worte zu fassen, wenn man so will:

Montag, 3.12.2012, 17:30 Uhr, O2 Academy Brixton, 2°C – Warten auf Einlass.

Rückblick: Vor gut 4 Monaten erreichte mich die Nachricht der möglichen Farewell-Tour von Alexisonfire. Seitdem mir ein Freund mal vor einigen Jahren das selbstbetitelte Album und Watch Out! in die Hand gedrückt hatte, war ich fasziniert von der Band. Als schließlich die Tourdaten bekanntgegeben wurden, entschloss ich mich zu einem kleinen Trip nach London.

17:34 Uhr – Ich bin nervös. Andere haben ihr Ticket zugeschickt bekommen, ich nur einen Fetzen mit der Kaufbestätigung. Ging alles irgendwie drunter und drüber. Hoffentlich komm ich rein.

Ich wollte aber nicht bloß hinfliegen, nein, ich wollte die Jungs treffen. Nachdem ich die Gelegenheit 2010 um wenige (im wortwörtlichen Sinne) Zentimeter verpasst hatte. Es fällt mir leichter die Musik der Künstler zu verstehen, wenn ich mit ihnen ein paar Worte gewechselt habe. Sind ja auch nur Menschen. Also gönnte man sich das Luxuspaket mit Meet&Greet, Poster und 7“ Crisis B-Seite.
Manche haben bestimmt die Aufregung bezüglich der Ticketbuchung mitbekommen. „Reibungslos“ ist was Anderes. Ich hatte Glück, 9:04 Uhr, Buchung abgeschlossen.

17:41 Uhr – Man unterhält sich mit den Anderen in der Schlange, wo man herkommt, worauf man sich am meisten freut, seit wann man Fan ist. In der Gruppe der 40 Meet&Greet-Gäste sind bis auf zwei Augsburger sonst nur Briten.

Am 30.11.2012 war Abflug aus München, schlafen würde ich die vier Nächte in dem Hostel, das mich schon vor 15 Jahren bei meinem ersten Besuch auf der Insel beherbergt hatte. Nostalgie pur. Zuvor hatte ich die Chance genutzt und mich bei den äußerst sympathischen Jungs von Apologies, I Have None nach ihrem Auftritt in Koblenz mit Insidertipps bezüglich der Stadt eingedeckt. Die kennen sich schließlich aus; so Einiges davon wird auch auf dem aktuellen Album besungen.

17:50 Uhr – Ein Security-Typ verteilt Zettelchen mit Hinweisen auf Taschendiebe in der Schlange. Wir werden von Straßenverkäufern mit AOF-Shirts zweifelhafter Herkunft belagert. Bald sollte es losgehen. Es wird kälter.

Ich traf in den 4 Tagen ein paar Freunde, die sich aus unterschiedlichsten Gründen in London sesshaft gemacht hatten (oder eben von dort kamen), erkundete die Stadt und die Parks auf eigene Faust, landete auf zwei Hauspartys und lernte von meinem belgischen Bettnachbarn einiges über den Französisch-Flämischen Sprachenkonflikt und Sludge-Metal. Solltet ihr euch mal in London wiederfinden, empfehle ich euch, neben den Standart-Sights (Buckingham Palace, Parlament, Big Ben, Tower Bridge, Covent Garden, National Gallery,…), einen Besuch in Hampstead Heath und dem High Gate Cemetery. Für Vinyl-Liebhaber ist einer der Rough Trade Records Läden mit seinen Instore-Shows genau das Richtige, für die HC-Fraktion All Ages Records in der Nähe von Camden Town. Zur zwischenzeitlichen Stärkung rate ich zu The King Of Falafel an der Ecke Tavistock Pl und Hunter St.

18:00 Uhr – Wir dürfen rein. Meine Buchungsbestätigung reicht aus. Alle stehen artig in einer Reihe, jeder bekommt das Poster, die 7“ und eine Papprolle zum Schutz des Posters ausgeteilt. Der Eingangsbereich wird zur Schleuse. Druckanpassung. Wie beim Tiefseetauchen.

Die O2-Academy ist ein beeindruckendes Venue. Mitten im mittlerweile ziemlich hippen Brixton gelegen ist sie Schauplatz für einige große Konzerte. Als ehemaliges Theater ist der Boden leicht abschüssig, was fast jedem Sicht auf die Bühne garantiert, die passenderweise auch noch in alter Theatermanier dekoriert ist. Die Sitze wurden herausgenommen und im vorderen Teil durch ein paar eingeschraubte Geländer ersetzt, um den Druck der Menge abzu fangen. Ich sollte dem Architekten dafür später noch dankbar sein.

18:05 Uhr – Ein Mitglied der Crew holt uns an den schweren Holztoren des Eingangs ab. Man führt uns in den festlichen Treppenhausbereich, in dem bereits der Merchstand aufgebaut ist. Durch eine kleine Tür, ein paar verworrene, enge Gänge und einige Treppen landen wir in einem Raum der ein paar Stehtische und eine kleine Bar enthält. Man lässt uns alleine.

Als wir so verlassen in diesem Raum stehen und alle wie gebannt auf die Tür vor uns starren, schlängelt sich fast unbemerkt Dallas Green mit den Worten „I’d like to start from the other side“ von hinten durch die Gruppe. Die Anwesenden sind völlig baff, man sieht ihnen die Verblüffung förmlich an – Überraschung gelungen.
Mittlerweile hat die Gruppe treuer Fans auch die restlichen Bandmitglieder entdeckt, die sich von hinten förmlich angeschlichen hatten. Gleich werden sie von den Ersten zum Autogramm und gemeinsamen Foto gebeten. Manche rattern Dallas, George, Beard, Wade und Steele routiniert wie Regale im Supermarkt ab, aus denen nur das genommen wird, was auf der Einkaufsliste gekritzelt steht: „Could you sign this? And can we take a picture? Thanks.“ Zu mehr reicht es bei ein paar der Fans nicht. Aufregung, Schüchternheit oder Teilnahmslosigkeit – könnten alles Gründe sein.
Die Band nimmt es gelassen hin, als die Profis, die sie nach all den Jahren zwangsläufig geworden sind, halten Smalltalk mit den Redseligeren, man hat ein bisschen Spaß, unterschreibt brav Poster und Vinyl und lässt das obligatorische Foto über sich ergehen. Ich hab wirklich Freude daran mit diesen super sympathischen Jungs über dies und jenes zu quatschen. Allein bei Dallas hat man das Gefühl, dass er ein Programm abspult. Er ist sehr freundlich, keine Frage, doch wirkt er ein bisschen so, als wolle er nicht wirklich da sein. Nur als ein Mädchen vor ihm in Tränen ausbricht, bemerkt man eine Veränderung in seinem Gesicht. Er nimmt sie in den Arm und tröstet sie.
Nach einer Stunde ist der Spuk vorbei.

Der finale Akt

Als Opener stehen The Ghost Of A Thousand auf der Bühne. Es ist ihre finale Show, was man getrost als undankbar bezeichnen kann. Zwar haben sie hier ein Riesenpublikum vor sich, jedoch sind die eben alle wegen Alexisonfire da. Die Tickets waren ja innerhalb von Minuten ausverkauft und ein Support stand damals noch gar nicht fest, nuff said.
Nichtsdestotrotz sind ein, zwei Dutzend textsichere Fans im Publikum, die sich schnurrstracks vor der Bühne zusammenrotten und schon mit den ersten Akkorden die Band abfeiern. Ich geselle mich dazu, finde ich ihre Performance doch echt gut, auch wenn ich nur wenige ihrer Songs kenne. Trotzdem stell ich es mir traurig vor, so viele regungslose Menschen vor sich zu haben, während man die letzte Show als Band mit Vollgas runterreißt. Verdient hätten sie mehr!
Nach etwas längerer Umbaupause wurde es dann dunkel im Saal. Atmosphärische Musik – eine Ankündigung, für das was jetzt kommen sollte. Die Menge rastet völlig aus als George mit „Strange things happen in the night time hours“ Young Cardinals anstimmt. Von jetzt an gibt’s kein Halten mehr!
Das längste Set, welches diese Band jemals gespielt hat, wird über uns Fans ausgerollt. Liebe, Freude, Hass; mit ungeheuerlicher Emotionsgewalt wird eine perfekte Mischung aus allem, was man von den Jungs kennt und liebt geboten. Natürlich mit Hits wie “Boiled Frogs”, “Born And Raised” oder “This Could Be Anywhere In The World”. Sogar das sonst so selten gespielte selbstbetitelte Debüt findet mit den kongenialen „Pulmonary Archery“, „Water Wings“ und dem „.44 Caliber Love Letter“ seinen rechtmäßigen Platz im Set. Bei dem unverkennbaren Intro zu .44 geht eine unbändige Energie durch die Masse, die auch die Letzten in Bewegung bringt. Gänsehautfeeling pur als George die Worte „this is a .44 caliber love letter straight from my heart“ so bedeutungsvoll verlauten lässt um gleich darauf in extatische Screams überzugehen. Aber auch Raritäten wie „Hey, It’s Your Funeral Mama“ oder „Get Fighted“ sind dabei. Und dafür erfahren die Protagonisten des Abends stets ein wundervolles Feedback aus der Menge.
Jeder, der einmal auf dem Konzert seiner Lieblingsband sich an vorderster Front mit Fremden in den Armen lag, sich gegenseitig an den Schultern packte, und gemeinsam die sooft gehörten und geliebten Zeilen aus voller Seele mitsang, hat eine Vorstellung davon, wie wir uns an diesem Abend fühlten.

Wahrlich „strange things happen in the night time hours“, zumindest in diesen in der O2-Academy in Brixton. Fünf, nicht mehr ganz die Kids, die sie mal waren, bringen wahrscheinlich ein letztes Mal ihre europäischen Anhänger zum gemeinsamen Singen, Feiern und Fühlen, als sie uns mit „Happiness By The Kilowatt“ entlassen. „I just can’t keep from crying sometimes“ lässt Dallas zum Ende des Liedes die Worte von Blind Willie Johnson einfließen und trifft damit geradewegs ins Herz. Zurück bleiben wir, denen die Lieder dieses Abends noch lange in den Köpfen hallen, als wir uns im nächtlichen London zerstreuen.

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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