Punkrock, wie geht´s dir? Teil 3: Deutschpunk

Punkrock, wie geht´s dir? Teil 3: Deutschpunk

Musik bleibt zum Glück nicht stehen. Bands entwickeln sich weiter und erfinden sich teilweise mehrmals neu. Genres werden dadurch immer wieder aufgemischt. Auch im Bereich Deutschpunk hat sich seit 1978 viel getan.

Kapitel 3 – Deutschpunk

Eine Weile dachte ich, die erste Platte, die mich mit deutschsprachigem Punkrock in Berührung brachte, wäre „Bleib Tapfer“ von Wizo gewesen. Etwas später wurde mir aber klar, dass ich schon deutlich früher Punkrock im Regal hatte. „Ein Kleines Bisschen Horrorshow“ von den Toten Hosen und „Die Ärzte Früher“ von Die Ärzte hatten sich schon auf Tape in meinem Koffer befunden. Aber dann kam ein gewisses Aha-Erlebnis. Denn immer mehr Punkrock aus Deutschland fand den Weg in meine Hände und damit auch immer mehr bescheidene Musik.

Wenn mich etwas in die Arme des Melodicpunk und Skatepunk getrieben hat, dann die unfassbar große Menge an schlechten Deutschpunkbands. Damals hat wirklich jeder Depp auf einem Kassettenrekorder ein Tape aufgenommen, einen Plattenvertrag bekommen und eine LP veröffentlicht, die genau so schlecht geklungen hat, wie die Kassettenaufnahme.

Glücklicherweise gab es da aber auch diese Bands, die so gut waren, dass zumindest ein kleiner Funke in mir blieb. Slime, Toxoplasma, Molotow Soda, Wizo, Terrorgruppe, But Alive oder Dritte Wahl, um nur ein paar zu nennen. Dank dieser Bands war es nicht hoffnungslos. Später, als dann „Studenten“ anfingen diesen besonders anspruchsvollen Punkrock zu spielen, kam die nächste Welle der Begeisterung. Muff Potter, Pascow, Turbostaat und damals aktive Bands wie Anatol oder Der Trick Ist Zu Atmen haben Anfang der 2000er einen wahren Boom erlebt. Viele Bands waren eher von kurzer Dauer, aber einige davon sind auch heute noch sehr gefragt.

Nun war es an Bands, den deutschsprachigen Punkrock wieder auferstehen zu lassen – wenn man es so ausdrücken will. Feine Sahne Fischfilet, ZSK oder auch Rogers – solche Bands füllen die Hallen und begeistern Tausende auf allen möglichen Festivals. Mit dem, was man in den Achtzigern und Neunzigern so an Punk zu hören bekam, kann man den Sound nicht vergleichen. Aber eine Einstiegsdroge sind diese Gruppen allemal.

Hat man sich heute auf dem breiten Feld des Deutschpunk wieder etwas zurechtgefunden, dann tauchen wirklich die genialsten Bands auf. Relativ junge wie Missstand aus Österreich, aber auch die älteren wie Fahnenflucht, Popperklopper, Rasta Knast und Alarmsignal – Punkrock in deutscher Sprache auf dem allerhöchsten Niveau.

Auf den größeren Festivals, die Punkrock im Programm haben, sind die Deutschpunkbands trotzdem zumeist außen vor. Doch glücklicherweise gibt es auch die Festivals, bei denen immer noch Dritte Wahl, Die Kassierer oder Die Lokalmatadore die Pole Position innehaben.

Jetzt stellt sich aber die Frage. Was ist aus Deutschpunk geworden? Ein paar Bands, die aktuell immer noch relevant sind, habe ich bereits erwähnt, doch es gibt noch einige andere, auf die ihr eure Augen und Ohren richten solltet.

Todeskommando Atomsturm – eine Band aus München, Frau am Mikrofon und Punk, wie er sein soll. Aggressiv, schnell, schnörkellos und alles andere als proletenhaft. Seit 2008 ist die Band unterwegs und hat die beiden Alben „Zeit Zu Pöbeln“ und „Hunger Der Hyänen“ veröffentlicht.

Disco//Oslo – stammen aus Oldenburg. Ende 2008 begannen die Jungs diverse Demos auf den Markt zu bringen, bevor sie dann eine selbstbetitelte LP ins Rennen schicken konnten. Wer auf Pascow steht, der kommt an Disco//Oslo nicht vorbei. Schnell, treibend, wütend, dazu politisch, sozialkritisch und auch persönliche Themen werden in den Songs verarbeitet. Die aktuelle Platte trägt den Titel „Tyke“ und steht dem Vorgänger in nichts nach.

Missstand – sind seit gut 10 Jahren aktiv und mit drei Longplayern ausgestattet. Dank dieser Band sind in Punkkreisen mittlerweile alle Antennen in Richtung Graz ausgerichtet. Das Trio macht melodischen und politischen Punkrock. Das aktuelle Werk „I Can´t Relax In Hinterland“ ist auf LP ausverkauft, genauso wie die vorherigen Alben. Man kann davon ausgehen, dass die Österreicher spätestens mit ihrem nächsten Album in die Riege der ganz Großen vorstoßen werden.

VSK – Aus einer der wohl besten Punkbands der „älteren“ Generation – Versaute Stiefkinder –  ist  ein neu zusammengesetzter Haufen entstanden. Ein Teil der damaligen Band schloss sich mit Martin, Nils  (Rasta Knast) und Steff (Alarmsignal) zusammen, um der Band neues Leben einzuhauchen. Anfang 2020 wird sogar ein neues Album erscheinen, das zehn alte Songs in neuem Gewand und fünf neue beinhalten wird. Hier ist allerdings für Steff nun Julian (Gloomer) dabei. Seit ein paar Jahren haben sie diverse Festivals gespielt und einige Konzerte, wobei sie sich aber bewusst rar machen. Wer die Chance hat und kraftvolle Musik will, die Aggressivität birgt und richtig nach vorne geht, der sollte auf jeden Fall mal bei VSK vorbeischauen.

 

Beim Punk in deutscher Sprache verhält es sich meiner Meinung nach nicht ganz so dramatisch wie im internationalen Bereich. Hier gibt es nicht so ein übertriebenes Überangebot an „großen“ Bands, die jedes Jahr gefühlt fünf Touren in Europa spielen. Wenn man sich hier die Headliner rauspickt, dann ist das eine relativ überschaubare Zahl, sodass die mittlere und kleinere Schicht recht gut zum Zuge kommt.

Dritte Wahl, Slime, ZSK, Feine Sahne Fischfilet, Toxoplasma, Alarmsignal oder Wizo. Egal wer von ihnen unterwegs ist, es sind immer genug andere Bands mit dabei, die von der Deutschpunkgemeinde annähernd genauso gefeiert werden. Das Problem, dass die Opa-Bands dem Nachwuchs den Platz wegnehmen, sehe ich persönlich daher hier nicht als sonderlich gravierend an. Aus meiner Sicht wäre es sogar sehr wünschenswert, wenn es manche Bands noch gäbe, etwa Toxic Walls, Fehlstart, Wohlstandskinder, …But Alive oder Novotny TV.

Viel wichtiger ist aber, dass sich sowohl die Qualität der Bands, als auch die der Produktionen in diesem Bereich enorm gesteigert haben, sodass es einfach Spaß macht sich umzusehen. Stumpfe Veröffentlichungen, die früher Gang und Gäbe waren, gibt es natürlich immer noch, aber sie gehen einfach sofort unter, weil das Publikum fehlt. Und in Zeiten eines erstarkten Rechtspopulismus ist es auch vonnöten, nicht über Exkremente, Analverkehr und Saufen zu singen, sondern sich dafür einzusetzen, die Leute mit eingängigen und guten Texten wieder ein wenig in die andere Richtung zu leiten.

Autor Tobi van de Wildmannen
Wohnort Tacherting
Beruf Monteur (Mobilfunk)
Dabei seit September 2016
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Berichte
Top-Alben Pascow - Diene der Party, H2O - Nothing to prove, Muff Potter - Bordsteinkantengeschichten, NOFX - Punk in drublic, Wizo - Uuaarrgh!
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