Stageload talks business: Produzent Alex Adelhardt im Gespräch

Stageload talks business: Produzent Alex Adelhardt im Gespräch

Was kostet es ein Album aufzunehmen? Welche Aufgaben übernimmt ein Produzent, wie wird man das eigentlich und wie unterscheidet sich für den Tonmann eine Club-Show von einem Festival-Auftritt? Alex Adelhardt (29) hat unter anderem schon Alben von Marathonmann, Coldburn und New Native produziert und steht auch auf Touren am Mischpult. Ein Gespräch über seinen Weg, die Arbeit im Studio und die Tücken bei Festivals.

Du warst ein Teil von Ghost City Recordings, seit wann arbeitest du nun alleine?

Selbstständig bin ich seit 2010, zunächst hatte ich das Studio zusammen mit Jan Kerscher. Vor gut einem Jahr habe ich entschieden auszusteigen und als freier Produzent zu arbeiten. Ich miete mich für Aufnahmen jetzt in Studios ein. Natürlich habe ich auch noch ein eigenes, aber das ist mehr ein Mixing-Studio, um Produktionen fertigzustellen. Wenn es nicht anders geht, arbeite ich auch mal mit einer Band in ihrem Proberaum.

Was gehört alles zu deinem Portfolio?

Hauptsächlich bin ich mit Bands im Studio, schreibe Songs und nehme das Ganze dann auf. Das geht bis hin zum finalen Mix. Seit ungefähr vier Jahren mache ich auch auf Touren den Ton für Bands. Das habe ich früher schon ab und an übernommen, obwohl ich nie wirklich großartig Lust darauf hatte, mittlerweile finde ich es aber ziemlich cool. Viele Bands, mit denen ich im Studio arbeite, fragen mich zudem, ob ich sie live auch machen will, einfach weil ich die Songs eben sehr gut kenne und weiß, welchen Sound die Band sich vorstellt.

Nebenbei mache ich noch reines Songwriting, also ohne, dass ich den Song dann auch selbst produziere. Ich hätte durchaus Bock in dieser Richtung mehr zu machen, aber gerade fehlt mir einfach die Zeit. Wenn ich mit Bands zwei, drei Wochen im Studio verbringe, mich später um den Mix kümmere und zwischendrin noch ein paar Shows mache, geht das nicht noch noch obendrauf. Deshalb beschränke ich mich aktuell eher auf die Studio- und Live-Arbeit.

Welcher Bereich ist für dich der lukrativste?

Wenn man den gleichen Zeittraum für eine Studioproduktion und eine Tour annimmt, ist Studio, beziehungsweise Produzieren, besser. Bei einer kompletten Produktion gibt es ja verschiedene Schritte. Es beginnt mit der Pre-Production, dann folgt die Studioarbeit, das Mixing und dann noch das Mastering für die Vinyl etwa. Das Mastering übernimmt allerdings meistens ein Kollege.

Diese Schritte werden alle einzeln honoriert. Bei der Live-Arbeit ist es nur der Engineering-Job für den du pro Tag bezahlt wirst, den du am Mischpult stehst. Bekommt man da nicht 1000 Euro pro Show – was natürlich utopisch ist – sind drei Wochen Studio lukrativer als drei Wochen Tour. Das Live-Geschäft ist allerdings schnelllebiger, während man im Studio wahnsinnig viel Arbeit hat. Teilweise hockt man da von morgens bis nachts zusammen, schließlich musst du auch auf die Zeit schauen, das Studio ist ja nicht für ewig gebucht. Manchmal kommt auf einmal noch eine Idee oder die Gruppe ist gerade super kreativ – da sagst du nicht einfach: „Oh, wir haben jetzt schon acht Stunden gearbeitet, lasst mal Feierabend machen“.

Live ist dagegen alles klar getaktet: Irgendwann geht die Band auf die Bühne, davor muss der Soundcheck stattgefunden haben und nach dem Konzert ist die Arbeit vorbei. Man wird nur bezahlt, um die Show durchzuführen, da gibt es keine Nachbearbeitung oder dergleichen. Bei der Studio-Arbeit ist der komplette Prozess erst nach dem Mastering abgeschlossen. Das zieht sich teilweise über Wochen.

Wie hast du dein „Handwerk“ eigentlich gelernt?

Als ich angefangen habe, mich für den ganzen Komplex Musik machen und Studioarbeit zu interessieren, war ich ungefähr dreizehn. Damals gab es natürlich noch keine YouTube-Tutorials, einfach zugängliche Software oder anderes Material. Die einzige Möglichkeit das Handwerk zu lernen, war jemanden zu kennen, der dir etwas zeigen kann oder es einfach selbst zu machen.

Ich habe dann mit meiner damaligen Schülerband angefangen unsere Stücke mit einem Tape-Recorder aufzunehmen. Das war natürlich jenseits von Gut und Böse, was den Sound anging, aber es war schon cool die ersten Schritte zu machen. Meine Eltern haben mir zu Weihnachten dann ein bisschen Equipment geschenkt und damit habe ich begonnen, die ersten Sachen aufzunehmen. Anfangs waren es hauptsächlich meine eigenen Lieder, aber irgendwann kamen immer mehr Anfragen von Schülerbands und Bekannten. So konnte ich mich ausprobieren und lernen, natürlich ohne Geld dafür zu verlangen – ich war ja selbst noch Amateur. Aber das waren meine ersten Schritte und im Laufe der Zeit war für mich klar: Das will ich mal beruflich machen.

Später habe ich dann bei einem Veranstaltungsbetrieb angefangen. Doch nach einem Jahr habe ich gemerkt: Das ist überhaupt nicht das, was ich mir vorgestellt habe. Ich konnte mich dort zwar mit Mikrofontechnik und ein bisschen Recording beschäftigen, aber viel öfter saß ich im Lager und habe Kabel geputzt. In Rücksprache mit meinen Eltern habe ich letztlich abgebrochen und bin nach München auf eine private Audioschule gegangen und habe nebenbei studiert. In diesem Zuge lernte ich auch Jan kennen, mit dem ich das Ghost City-Studio gegründet und lange betrieben habe. Er hatte ein Studio auf dem Dachboden seines Elternhauses, meines war im Keller und irgendwann haben wir uns gesagt, „Hey, lass uns doch zusammen ein neues, großes Studio aufbauen“.

Es war also eigentlich der klassische Weg: Man spielt in einer Band und wird dann dadurch irgendwie zum Produzenten. Dafür gibt es auch keine Ausbildung. Die Audiotechnik kann man lernen, aber wie ich einen Song schreibe oder was ich einer Band anbiete, damit deren Platte nicht nur gut, sondern sehr gut klingt und wie ich einen Künstler auf das nächste Level bringe – das sind Kenntnisse, die eignet man sich an. Das ist ein kreativer Prozess, der Zeit braucht und entweder man hat da Bock drauf und taucht komplett ein oder nicht.

Natürlich gibt es auch die Leute, die sich auf das reine Aufnehmen spezialisiert haben und überhaupt nicht in den künstlerischen Prozess eingreifen oder eben nur mixen. Ich mixe auch super gerne, aber ich mag es, den Entstehungsprozess eines Werkes zu begleiten und danach auch zu wissen, was man zusammen geschaffen hat. Wenn man sich vier Wochen im Studio einschließt und dann mit einem fertigen Album dasteht – das ist schon ein cooles Gefühl.

Seit wann kannst du nur von deiner Arbeit als Produzent leben?

Parallel habe ich nie etwas gemacht, dafür war einfach keine Zeit. Wenn du ein Studio mitbetreust und nebenbei noch Bands aufnimmst, ist das ein Full-Time-Job. Als ich noch jünger war, hatte ich natürlich Unterstützung von meinen Eltern – die Aufträge müssen ja erst einmal reinkommen und es ist auf jeden Fall weiterhin ein toughes Business. Ich kann es mir nicht leisten, eine fette Produktion zu machen und dann erst einmal die Füße hochzulegen.

Der Punkt, an dem ich für mich sagen konnte, jetzt läuft es und lohnt sich, war so ungefähr vor fünf Jahren erreicht. Anfangs musste ich erst einmal abchecken, wie das Geschäft läuft. Heute  ist eine gewisse Kontinuität da und ich weiß, womit ich planen kann.

Was bringen Bands denn mit, wenn sie mit dir ins Studio gehen? Ist ein Album da meist schon komplett geschrieben?

Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt Bands, da sind richtig gute Songwriter dabei und es steht schon alles, sodass ich nur noch ein paar Dinge anpasse oder hier und da eine Gitarre draufpacke, um einen Part interessanter zu machen. Manchmal kommen Künstler aber auch mit 50 Prozent der Songs und wollen, dass ich den Rest mit ihnen zusammen schreibe. Im Studio werden die Songs bisweilen noch mal komplett überarbeitet oder es entsteht an einem Tag ein ganz neuer.

Bei der jüngsten Platte von Marathonmann („Die Angst sitzt neben dir“) war es so: Wir hatten 17-18 Songs und eine Woche lang war ich mit den Jungs erstmal im Proberaum in München und habe nur Songwriting gemacht. Da ging es darum, die Songs zu finalisieren, bevor wir ins Studio gehen. Letztlich haben wir dort aber auch noch Sachen abgeändert. Mehr Zeit hätte man kaum investieren können.

Was kostet es denn etwa ein Album zu machen?

Auch das kommt sehr auf das jeweilige Projekt an. Bei Bands mit einem Label dahinter kommt von dort Geld, andere müssen das Album komplett selbst finanzieren. Da kann man nicht immer die gleichen Preise verlangen. Eine grobe Hausnummer für ein Album mit zehn bis zwölf Songs sind 15.000 bis 20.000 Euro. Das hängt auch davon ab, wie viele Tage das Studio gebucht wird oder wie lange die Pre-Production dauert, aber mit einer solchen Summe kann man schon planen. Wobei eine Produktion für ein Major-Label oft das doppelte oder noch mehr kostet.

Wie kommen deine Aufträge zustande?

Das meiste geschieht über Mund zu Mund-Propaganda. Mittlerweile habe ich ein gewisses Netzwerk und kenne viele Leute. Oft läuft es so, dass jemand eine Platte gehört hat, die ich gemacht habe und dann bei der Band nachfragt, wer sie produziert hat. Es gibt aber auch den Fall, dass ein Label auf mich zukommt und manchmal kommen einfach Anfragen per Mail, von Leuten, die irgendwie auf mich gestoßen sind. Aber das ist eher selten der Fall.

Ich bin außerdem natürlich viel auf Konzerten unterwegs und da kommt es schon mal vor, dass ich eine Band höre und sofort Lust habe mit denen zu arbeiten. Wenn es sich anbietet, gehe ich nach dem Konzert auf die Leute zu, wenn nicht, schreibe ich eine Mail – im Endeffekt erst einmal nur, um der Band zu sagen, dass ich ihre Musik total abfeiere. Kommt etwas zurück, ist das natürlich umso cooler.

Derzeit bist du gut ausgelastet, aber wie steht es eigentlich um die Konkurrenz in deinem Metier?

Darüber habe ich vor kurzem noch mit einem befreundeten Produzenten gesprochen. Es gibt schon viele, gerade auch im Major-Bereich, aber ich glaube, das ist sehr abhängig vom jeweiligen Genre. Sehr viele Produzenten machen nur einen Stil, andere machen alles und kriegen das auch ganz ordentlich hin. Da ist schon Konkurrenz da, obwohl es das Wort letztlich nicht wirklich trifft.

Im Endeffekt entscheidet ja die Band, mit wem sie arbeiten will. Dass ein Label einen Produzenten aussucht, kommt vielleicht im Mainstream-Pop-Bereich vor, aber nicht in den Gefilden, in denen ich arbeite. Meistens weiß die Band sehr genau, was sie sucht und da muss man schon schauen, wo man bleibt und versuchen etwas zu bieten, was nicht jeder kann. Ich denke aber, auf dem Markt ist Platz für jeden – immerhin gibt es heute so viel Musik, da braucht es auch viele Produzenten.

Dadurch, dass die Plattenverkäufe immer mehr zurück gehen und man schon ziemlich oft gestreamt werden muss, um einigermaßen Geld zu verdienen, wird das Live-Geschäft auch wegen der Einnahmen durch Gema und Merchverkauf immer wichtiger. Das sollte dir ja in die Karten spielen.

Das Konzertbusiness boomt, definitiv. Es gibt so viele Touren oder Festivals und die Bands, mit denen ich unterwegs bin, spielen auch relativ viel live, da kann ich gar nicht alles auf einer Tour machen. Das ist schon cool für die Bands. Die haben ja auch Lust auf Konzerte und ein Festival ist obendrein immer noch Promo. Denn da stehen oft ein paar tausend Leute, die die Band vorher noch nicht kannten und wohl kaum zu einer Show gekommen wären.

Wie unterscheidet sich denn deine Arbeit in einem Club mit einer Kapazität von vielleicht 350 Leuten von der auf einem großen Festival?

Mein Job ist erst einmal der gleiche: Ich stehe am Pult und mache den Sound (lacht). Das Drumherum unterscheidet sich natürlich. Bei einer eigenen Tour kommt man relativ früh in den Club rein, meist so gegen Mittag, und hat Zeit in Ruhe aufzubauen und einen vernünftigen Sound-Check zu machen. Der kann dann ruhig mal eine Stunde dauern.

Bei einem Festival hast du, wenn es hochkommt, 20 Minuten Umbaupause, in der du erst einmal das Zeug auf die Bühne schieben musst. Bei größeren Festivals kann man im Vorfeld immerhin schon mal alles vorbereiten und verkabeln. Nachdem der In-Ear-Mix für die Bands stimmt, bleiben vielleicht noch fünf Minuten für einen kurzen Soundcheck am Mischpult, der sich meistens darauf beschränkt, kurz zu prüfen, ob alle Signale da sind. Den Rest machst du dann während des Konzerts. Im Vergleich zu einer eigenen Tour ist das deutlich stressiger, aber irgendwo auch cool: Ich sehe das immer als Herausforderung, da muss man eben schnell und immer hellwach sein, weil so wenig Zeit ist.

Bei einer eigenen Tour macht die Größe der Location also nicht so viel aus?

Vom Sound her ja, aber vom Ablauf her, ändert sich wenig. Wenn du eine größere Bühne und mehr Budget hast, ist meistens etwas mehr Equipment dabei, dafür kann man in der Regel aber auch schon früher in den Club, um alles aufzubauen. Der Hauptunterschied ist aber tatsächlich der Sound. Wenn du eine größere PA (Anmerkung der Redaktion: die Beschallungsanlage) hast, bestehen natürlich viel mehr Möglichkeiten, als in einem kleinen Club mit Mini-Anlage, wo die Akustik am Ende ohnehin scheiße ist und du versuchen musst, das zu kompensieren, damit überhaupt etwas rüberkommt.

Fotocredit: Andrea Ungvari

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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